Vorwort – Das Buch hinter der Höhle
Es war ein stiller Morgen.
Die Sonne lachte bereits zwischen den Zweigen hindurch, und über dem Wald spannte sich ein klarer, beinahe wolkenloser Himmel.
Ein junges Mädchen rannte zwischen den Bäumen entlang.
Ihr Name war Aiyana.
Sie hatte kein bestimmtes Ziel. Sie folgte schmalen Pfaden, sprang über Wurzeln und blieb immer wieder stehen, wenn etwas ihre Neugier weckte. Ein ungewöhnlicher Stein. Eine Pflanze, die sie noch nie gesehen hatte. Eine Spur im weichen Waldboden.
An diesem Morgen war es der Wind.
Zwischen zwei dicht bewachsenen Felsen spürte Aiyana plötzlich einen kühlen Luftzug.
Sie blieb stehen.
„Wo kommst du denn her?“
Sie schob einige Zweige beiseite und entdeckte dahinter den Eingang zu einer Höhle.
Natürlich ging sie hinein.
Je tiefer sie kam, desto weniger Licht drang von draußen zu ihr. Ihre Schritte wurden langsamer. Der Wind jedoch blieb. Irgendwo musste es also einen zweiten Ausgang geben.
Aiyana tastete sich an der Felswand entlang.
Da bemerkte sie etwas.
Fast vollständig von Staub und Ablagerungen verborgen befand sich eine kleine Vertiefung im Stein. Sie kratzte vorsichtig daran und legte etwas frei, das eindeutig nicht natürlich entstanden war.
Eine Vorrichtung.
Aiyana drückte darauf.
Zunächst geschah nichts.
Dann hörte sie tief im Felsen ein dumpfes Geräusch.
Klick.
Stein rieb über Stein.
Vor ihr öffnete sich ein schmaler Durchgang, und plötzlich fiel Tageslicht in die Höhle.
Aiyana trat hindurch.
Und blieb wie angewurzelt stehen.
Vor ihr erhob sich die Ruine eines gewaltigen Gebäudes.
Es sah beinahe aus wie ein altes Gasthaus. Doch irgendetwas stimmte nicht.
Die Türen waren riesig.
Die Räume dahinter ebenfalls. Selbst die Überreste der Tische und Feuerstellen wirkten, als wären sie für Gäste gebaut worden, die erheblich größer gewesen waren als Menschen.
Pflanzen hatten längst begonnen, sich das Gebäude zurückzuholen. Wurzeln durchbrachen den Boden. Moos bedeckte die Steine, und durch Teile des eingestürzten Daches fiel Sonnenlicht.
Aiyana ging hinein.
Überall lag Staub.
Sie entdeckte zerbrochenes Geschirr, seltsame Zeichen und Überreste von Gegenständen, deren Zweck sie nicht verstand.
Dann bemerkte sie eine kleine Nische.
Darin lag etwas.
Ein Buch.
Aiyana zog es vorsichtig hervor und pustete den Staub vom Einband.
Als sie es öffnete, blickte sie auf eine Schrift, die sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Kein einziges Wort konnte sie lesen.
Doch zwischen den fremden Zeichen befanden sich Zeichnungen.
Pflanzen.
Früchte.
Schalen.
Gewürze.
Speisen.
Aiyana blätterte weiter.
„Das sind … Rezepte.“
Das Buch roch noch immer schwach nach Gewürzen. Ein Duft aus längst vergangenen Tagen, der sich zwischen seinen alten Seiten erhalten hatte.
Wer hatte hier gekocht?
Wer hatte an diesen gewaltigen Tischen gesessen?
Welche Wesen hatten diese Sprache gesprochen?
Und warum war von ihnen nichts geblieben außer einer verfallenen Gaststätte und einem vergessenen Buch?
Aiyana setzte sich mitten auf den staubigen Boden.
Sie hielt das Buch auf ihren Knien und betrachtete die unbekannten Zeichen.
Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben stand sie vor einer Frage, auf die ihr niemand einfach eine Antwort geben konnte.
Also fasste sie einen Entschluss.
Sie würde die Antwort selbst suchen.
„Ich werde Forscherin.“
Der leere Raum gab ihre Worte leise zurück.
Forscherin …
Viele Jahre vergingen.
Aus dem neugierigen Mädchen wurde eine erwachsene Frau.
Aiyana lernte. Sie beschäftigte sich mit alten Sprachen, Karten, Kulturen und den Spuren vergangener Zeiten. Und schließlich begann sie zu reisen.
Das alte Buch begleitete sie.
Was an jenem Morgen im Wald mit einer verborgenen Höhle und einem unbekannten Rezeptbuch begonnen hatte, führte sie immer weiter hinaus in die Welt.
Sie suchte Ruinen und alte Handelswege, hörte Geschichten, sammelte Hinweise und versuchte Stück für Stück herauszufinden, welche beinahe vergessene Welt einst existiert hatte.
Noch wusste Aiyana nicht, dass sie auf einer dieser Reisen etwas finden würde, das ihre Forschung für immer verändern sollte.
Oder vielmehr jemanden.
Einen Gefangenen hinter den Gitterstäben eines kleinen Käfigs.
Einen kranken, schwachen und verwirrten Raben, dessen Gefieder auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein schien.
Hellgrau. 💙🐦
Kapitel 1 – Der Name des Raben
Der Käfig stand geöffnet auf dem Boden.
Aiyana saß einige Schritte entfernt und wartete.
Seit sie den kranken Raben vom Tierhändler mitgenommen hatte, hatte sie sich immer wieder gefragt, was diesem Tier widerfahren war. Sein hellgraues Gefieder war stumpf und verklebt, eine Schwinge hing etwas tiefer als die andere, und obwohl seine tiefblauen Augen aufmerksam wirkten, lag darin eine seltsame Verwirrung.
Als würde er die Welt betrachten und gleichzeitig versuchen, sich daran zu erinnern, was sie eigentlich war.
Aiyana hätte einfach in den Käfig greifen können.
Sie tat es nicht.
„Du darfst herauskommen“, sagte sie leise.
Der Rabe bewegte sich nicht.
„Oder du bleibst noch drin. Auch gut.“
Sie nahm ein Buch zur Hand.
Minuten vergingen.
Irgendwann raschelte es.
Aiyana blickte nicht sofort auf.
Erst erschien ein schwarzer Schnabel an der geöffneten Käfigtür.
Dann ein Fuß.
Noch einer.
Schließlich kletterte der Rabe langsam heraus.
Seine Beine wirkten schwach. Nach wenigen Schritten blieb er stehen und sah zu Aiyana.
Sie lächelte.
„Siehst du? Niemand zwingt dich.“
Der Rabe legte den Kopf ein wenig schief.
Dann machte er noch einen Schritt.
In den nächsten Tagen kümmerte Aiyana sich um ihren ungewöhnlichen Gast.
Er fraß zunächst nur wenig. Also probierte sie verschiedene geeignete Nahrungsmittel aus, stellte ihm frisches Wasser hin und kochte ihm kleine Mahlzeiten.
Langsam begann er zu fressen.
Dann etwas mehr.
Und irgendwann so begeistert, dass Aiyana feststellen musste, dass in diesem ziemlich kleinen Vogel offenbar erstaunlich viel Essen verschwinden konnte.
„Na wenigstens das funktioniert wieder“, murmelte sie eines Morgens.
Der Rabe hob den Kopf.
„Ja, du bist gemeint.“
Er blinzelte.
Noch immer hatte Aiyana kein einziges Geräusch von ihm gehört, das über ein gelegentliches leises Krächzen hinausging.
Sein Gefieder bereitete ihr mehr Sorgen.
Es war nicht nur grau.
Es war schmutzig.
Richtig schmutzig.
Als der Rabe schließlich genug Vertrauen gefasst hatte, dass Aiyana ihn vorsichtig reinigen durfte, stellte sie eine Schale mit angenehm warmem Wasser bereit.
„Das wird dir jetzt vermutlich nicht gefallen.“
Der Rabe betrachtete das Wasser.
Dann Aiyana.
Dann wieder das Wasser.
„Mir wahrscheinlich auch nicht.“
Behutsam begann sie, sein Gefieder zu säubern.
Schon nach kurzer Zeit wurde das Wasser dunkel.
Sehr dunkel.
Aiyana verzog das Gesicht.
„Meine Güte. Wo warst du denn?“
Sie wechselte das Wasser.
Beim zweiten Mal wurde es wieder beinahe schwarz.
„Ernsthaft?“
Drittes Wasser.
Noch immer lösten sich Schmutz, Ruß und eine ölige Schicht aus den Federn.
Beim vierten Mal wurde das Wasser endlich klarer.
Und Aiyana hielt plötzlich inne.
Unter ihren Fingern lag eine Feder, die nicht grau war.
Sie war weiß.
Aiyana reinigte vorsichtig weiter.
Noch eine weiße Feder kam zum Vorschein.
Dann eine weitere.
Unter all dem Schmutz erschien nach und nach ein perlweißes Gefieder mit einem feinen silbrigen Schimmer. An manchen Federspitzen lag sogar ein kaum wahrnehmbarer Hauch von kühlem Blau.
Aiyana setzte sich zurück.
Vor ihr saß ein vollkommen anderer Vogel.
„Du bist ja wunderschön.“
Der Rabe sah sie an.
Dann blickte er an seinem eigenen Körper hinunter.
Er spreizte vorsichtig eine Schwinge.
Betrachtete die hellen Federn.
Dann die andere.
Aiyana beobachtete ihn.
Seine Reaktion war merkwürdig.
Nicht stolz.
Nicht erleichtert.
Überrascht.
„Wusstest du das nicht?“
Der Rabe hob den Kopf.
In seinen tiefblauen Augen lag wieder diese Verwirrung.
Aiyana wurde still.
„Du wusstest nicht einmal, dass du weiß bist.“
Keine Antwort.
„Weißt du, woher du kommst?“
Der Rabe bewegte sich nicht.
„Weißt du, was mit dir passiert ist?“
Nichts.
Seine Haltung wurde kleiner.
Aiyana bemerkte es sofort.
„Schon gut.“
Sie nahm das Tuch und trocknete vorsichtig die letzten Wassertropfen aus seinem Gefieder.
„Keine Fragen mehr.“
Nach einer Weile lehnte sich der Rabe ganz leicht gegen ihre Hand.
Aiyana lächelte.
„Wir haben Zeit.“
Die folgenden Wochen veränderten ihn.
Sein Gefieder wurde dichter und glänzender. Die verletzte Schwinge erholte sich. Er begann durch das Zimmer zu flattern und schaffte schließlich erste kurze Flüge.
Aiyana ließ das Fenster offen.
Immer.
Wenn er gehen wollte, sollte er gehen können.
Beim ersten Mal, als er auf dem Fensterbrett saß, beobachtete sie ihn aus einiger Entfernung.
Der Rabe blickte hinaus.
Lange.
Dann breitete er seine Flügel aus.
Aiyana hielt unwillkürlich den Atem an.
Er hätte nur abspringen müssen.
Stattdessen drehte er sich um, flatterte quer durch den Raum und landete auf der Lehne ihres Stuhls.
Aiyana hob eine Augenbraue.
„Na gut.“
Der Rabe plusterte sein Brustgefieder auf.
„Aber beschwer dich später nicht, dass ich dich festhalte. Das Fenster war offen.“
Ein leises:
„Krah.“
Aiyana grinste.
„Ja, ja.“
Mit zunehmender Kraft wurde der Rabe auch neugieriger.
Wenn Aiyana arbeitete, saß er häufig in ihrer Nähe.
Er betrachtete Karten.
Beobachtete ihre Hände, wenn sie alte Texte abschrieb.
Und besonders aufmerksam wurde er immer dann, wenn Aiyana das alte Rezeptbuch hervorholte, das sie als Kind in der verfallenen Gaststätte gefunden hatte.
Einmal hüpfte er sogar direkt daneben.
Seine Augen wanderten über die unbekannten Zeichen.
Aiyana bemerkte es.
„Kennst du die?“
Der Rabe erstarrte.
Für einen winzigen Augenblick erschienen kleine Lichtpunkte in seinen tiefblauen Augen.
Dann waren sie wieder verschwunden.
Er wandte sich ab.
Aiyana schrieb die Beobachtung in ihr Notizbuch.
Sie war schließlich Forscherin.
Und dieser Rabe wurde langsam zu ihrem merkwürdigsten Forschungsrätsel.
Eines Abends duftete ihre Unterkunft nach frisch gebackenem Brot.
Aiyana hatte Bierkartoffelbrot gebacken. Die Kruste war dunkel und kräftig, das Innere weich und saftig, und der malzige Duft erfüllte den ganzen Raum.
Der Rabe erschien selbstverständlich sofort.
„Nein.“
Er blieb stehen.
„Das ist mein Abendessen.“
Der Rabe kam einen Schritt näher.
„Du hast gegessen.“
Noch ein Schritt.
„Ich habe dich dabei gesehen.“
Kopf schief.
Aiyana seufzte.
„Diese Augen funktionieren bei mir nicht.“
Sie schnitt ihr Brot durch.
Der Rabe beobachtete jede Bewegung.
Doch statt gleich zu essen, stellte Aiyana eine kleine Waage auf den Tisch und legte ihre Brothälfte darauf.
Der Rabe rückte näher.
Aiyana notierte das Gewicht.
Dann nahm sie ein längliches schwarzes Gerät.
Sie setzte es an einen Finger.
Klick.
Der Rabe zuckte zusammen.
Aiyana legte das Gerät beiseite. Auf ihrer Fingerkuppe erschien ein kleiner Blutstropfen.
Auf dem Tisch lag bereits ihr Blutzuckermessgerät mit einem Teststreifen.
Sie führte den Tropfen daran.
Ein leises Geräusch ertönte.
Und plötzlich hörte sie hinter sich:
„Was tust du da?“
Aiyana erstarrte.
Ganz langsam hob sie den Kopf.
Dann drehte sie sich um.
Der Rabe saß hinter ihr.
„Was …“
Sie sah zur Tür.
Geschlossen.
Zum Fenster.
Niemand.
Wieder zum Raben.
„Was tust du da?“, wiederholte er.
Aiyana fuhr so heftig zurück, dass sie beinahe das Messgerät vom Tisch fegte.
„DU KANNST SPRECHEN?!“
Der Rabe erschrak mindestens genauso sehr.
Seine Flügel klappten halb auf.
„Ich—“
Er verstummte.
Sein Schnabel öffnete sich.
Schloss sich.
Öffnete sich wieder.
„Ich kann sprechen.“
Aiyana starrte ihn an.
„Das habe ich gerade bemerkt!“
Der Rabe wirkte vollkommen verwirrt.
„Warum kann ich sprechen?“
„Das wollte ich eigentlich dich fragen!“
Sie sahen einander an.
Aiyana wusste nicht, ob sie lachen, davonlaufen oder sofort ihr Forschungsnotizbuch holen sollte.
Der Rabe löste das Problem für sie.
Sein Blick wanderte zu ihrem Finger.
„Du blutest.“
„Was?“
„Dein Finger.“
„Ach.“
Aiyana hatte es beinahe vergessen.
„Das gehört so.“
Der Rabe sah das schwarze Stechgerät an.
Dann ihren Finger.
„Du verletzt dich absichtlich?“
„Ich messe meinen Blutzucker.“
„Warum?“
Aiyana setzte sich langsam wieder hin.
„Weil ich Diabetes habe.“
Der Rabe kam näher.
„Was ist Diabetes?“
Aiyana sah ihn an.
„Du sprichst seit ungefähr einer Minute und stellst schon Fragen.“
„Ja.“
„Das wird ein langer Abend.“
Der Rabe legte den Kopf schief.
„Ich habe Zeit.“
Aiyana wollte etwas erwidern.
Dann hielt sie inne.
„Weißt du das?“
Sofort veränderte sich sein Ausdruck.
Die Neugier verschwand.
Zurück blieb diese vertraute Orientierungslosigkeit.
„Nein.“
Aiyana legte das Stechgerät beiseite.
„Entschuldige.“
„Warum?“
„Weil du dich nicht erinnerst.“
Der Rabe schwieg.
Also zeigte Aiyana auf das Brot.
„Du wolltest wissen, was ich mache.“
Er nickte.
Und Aiyana erklärte es ihm.
Dass ihr Körper Unterstützung brauchte, um den Zucker aus ihrem Blut richtig zu verarbeiten. Dass sie deshalb ihren Blutzucker kontrollierte. Dass Lebensmittel Kohlenhydrate enthielten und sie darauf achten musste, wie viel davon sie aß. Und dass Insulin zu ihrem Alltag gehörte.
Der Rabe hörte aufmerksam zu.
Er unterbrach sie immer wieder.
„Warum wiegst du das Brot?“
„Damit ich die Kohlenhydrate besser berechnen kann.“
„Und dann weißt du, wie viel Insulin du brauchst?“
„Genau.“
„Und dieses Gerät sagt dir, wie viel Zucker in deinem Blut ist?“
„Ja.“
Er betrachtete das Messgerät.
„Das ist klug.“
Aiyana lächelte.
„Danke.“
„Das mit dem Finger gefällt mir trotzdem nicht.“
Sie musste lachen.
„Du wirst dich daran gewöhnen.“
„Nein.“
„Du bist seit zehn Minuten sprachfähig und widersprichst mir schon.“
„Offenbar.“
Aiyana starrte ihn an.
„Du wirst anstrengend.“
Ein merkwürdiges Geräusch kam aus seiner Kehle.
Fast wie ein leises, krächzendes Lachen.
Aiyana brach schließlich ein kleines Stück von ihrem Bierkartoffelbrot ab.
„Möchtest du probieren?“
Der Rabe sah erst das Brot an.
Dann sie.
„Darf ich?“
Etwas an dieser Frage berührte Aiyana.
„Natürlich.“
Er nahm das Stück.
Haps.
Aiyana grinste.
„Und?“
Der Rabe kaute.
„Gut.“
„Nur gut?“
Er nahm den letzten Krümel auf.
„Sehr gut.“
„Geht doch.“
Aiyana wollte gerade selbst essen, als der Rabe plötzlich vollkommen still wurde.
Seine tiefblauen Augen richteten sich auf das alte Rezeptbuch am anderen Ende des Tisches.
Die winzigen Lichtpunkte darin erschienen wieder.
Diesmal stärker.
„Was ist?“
Der Rabe antwortete nicht.
Er flatterte zum Buch.
Landete davor.
Sein Blick wanderte über den Einband.
Aiyana trat neben ihn.
„Kennst du es?“
„Ich …“
Die Lichtpunkte in seinen Augen flackerten.
„Ich weiß es nicht.“
Er berührte mit dem Schnabel eines der fremden Zeichen.
Dann zuckte er zurück.
Ein Bild.
Nur für einen Augenblick.
Sterne.
Eine Hand.
Licht.
Stimmen, deren Worte er nicht verstehen konnte.
Etwas Großes, das über ihm stand.
Dann Dunkelheit.
Der Rabe schwankte.
Aiyana hielt sofort ihre Hand neben ihn.
„Langsam.“
Er trat darauf.
Sein Körper zitterte leicht.
„Da war etwas.“
„Eine Erinnerung?“
„Vielleicht.“
„Was hast du gesehen?“
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana wartete.
Sie drängte ihn nicht.
Dann kam ein Laut über seinen Schnabel.
„Nu…“
Aiyana beugte sich etwas näher.
„Was?“
Seine Augen schlossen sich.
„Nuvo…“
Etwas schien tief in ihm nach diesem einen Wort zu greifen.
Nicht nach einem Ort.
Nicht nach einem Bild.
Nach etwas, das zu ihm gehörte.
Die Augen öffneten sich.
„Nuvorai.“
Aiyana wiederholte es leise.
„Nuvorai.“
Der Rabe reagierte darauf.
Nicht erschrocken.
Nicht verwirrt.
Die kleinen Sterne in seinen Augen leuchteten für einen Moment ruhig.
Aiyana bekam eine Gänsehaut.
„Ist das dein Name?“
Lange sagte er nichts.
Dann:
„Ja.“
Eine Pause.
„Ich glaube … ja.“
Aiyana lächelte.
„Nuvorai.“
Wieder dieses kleine Leuchten.
Diesmal war er sich sicherer.
„Ja.“
Sie setzte ihn vorsichtig zurück auf den Tisch.
„Dann freue ich mich, dich endlich kennenzulernen, Nuvorai.“
Er legte den Kopf schief.
„Du kennst mich seit Wochen.“
„Ich kannte einen ausgesprochen verfressenen Raben ohne Namen.“
„Ich bin nicht verfressen.“
Aiyana sah auf die Brotkrümel vor seinen Füßen.
Nuvorai folgte ihrem Blick.
„Ich erhole mich.“
„Natürlich.“
„Ich brauche Kraft.“
„Selbstverständlich.“
„Darf ich noch etwas Brot?“
Aiyana brach lachend ein weiteres kleines Stück ab.
„Nimm.“
Haps.
Dann hielt sie inne.
„Moment.“
Nuvorai sah sie an.
„Du kennst jetzt deinen Namen. Aber weißt du, woher du kommst?“
Das Leuchten verschwand.
„Nein.“
„Weißt du, warum du sprechen kannst?“
„Nein.“
„Warum deine Augen leuchten?“
Nuvorai blinzelte.
„Meine Augen leuchten?“
Aiyana musste sich das Lachen verkneifen.
„Okay. Das war eine dumme Frage.“
„Ja.“
„Frech.“
Krah.
Aiyana lachte.
Noch immer wussten sie fast nichts.
Nicht, woher Nuvorai kam.
Nicht, wie alt er war.
Nicht, weshalb ein weißer Rabe sprechen konnte.
Und schon gar nicht, warum das alte Rezeptbuch etwas in ihm berührt hatte.
Doch an diesem Abend war ein erstes kleines Stück aus der Dunkelheit zurückgekehrt.
Kein großes Geheimnis.
Keine Erklärung seiner Vergangenheit.
Nur etwas sehr Einfaches.
Etwas, das ihm gehörte.
Sein Name war Nuvorai.
Und während Aiyana später ihre Forschungsnotizen ergänzte, saß der weiße Rabe neben dem alten Buch und betrachtete die fremden Zeichen.
Irgendetwas an ihnen kam ihm bekannt vor.
Doch jedes Mal, wenn er danach greifen wollte, zerfiel die Erinnerung wieder.
Schließlich sah er zu Aiyana.
„Aiyana?“
„Mhm?“
„Wer bin ich?“
Ihre Hand hielt mitten im Schreiben inne.
Sie sah zu ihm.
„Das weiß ich noch nicht.“
Nuvorai senkte den Blick.
Aiyana schloss ihr Notizbuch.
„Aber weißt du was?“
Er sah wieder auf.
„Wir finden es heraus.“
„Wir?“
„Natürlich wir.“
Nuvorai schwieg einen Augenblick.
Dann hüpfte er näher und setzte sich neben ihre Hand.
„Gut.“
Draußen war längst die Nacht über die fremde Stadt gefallen.
Und irgendwo zwischen einem uralten Rezeptbuch, einem Stück Bierkartoffelbrot und zwei Wesen, die sich wenige Wochen zuvor noch nicht gekannt hatten, begann eine neue Geschichte.
Nicht mit einer Prophezeiung.
Nicht mit einem großen Schwur.
Sondern mit einer Forscherin, die einen Käfig geöffnet hatte.
Und einem Raben, der freiwillig geblieben war. 💙🐦✨
Kapitel 2 – Worte, die niemand kennen sollte
Am nächsten Morgen lag das alte Buch zwischen Aiyana und Nuvorai auf dem Tisch.
Aiyana hatte es aus seinem schützenden Tuch genommen und vorsichtig aufgeschlagen.
„Das“, sagte sie und deutete auf die vergilbten Seiten, „ist der Grund, weshalb ich Forscherin geworden bin.“
Nuvorai sah vom Buch zu ihr.
„Ein Buch?“
„Ein unlesbares Buch.“
„Das klingt weniger beeindruckend.“
Aiyana kniff die Augen zusammen.
„Ich war ein Kind.“
„Dann war es vermutlich beeindruckend.“
„Danke.“
„Bitte.“
Sie blätterte einige Seiten weiter.
Zwischen den fremden Schriftzeichen waren verblasste Zeichnungen von Schalen, Pflanzen und Lebensmitteln zu erkennen.
„Ich habe Jahre gebraucht, um überhaupt Teile davon zu verstehen“, erklärte Aiyana. „Manche Zeichen wiederholen sich. Andere habe ich mit Schriftfragmenten aus Ruinen verglichen. Ein paar Wörter glaube ich inzwischen zu kennen.“
Sie legte den Finger unter eine Zeile.
„Das hier zum Beispiel.“
Nuvorai trat näher.
„Gemüsebrühe.“
Aiyana redete weiter.
„Ich vermute seit Jahren, dass es etwas mit—“
Sie verstummte.
Ganz langsam drehte sie den Kopf.
Nuvorai betrachtete noch immer die Seite.
„Was hast du gesagt?“
Jetzt sah er sie an.
„Gemüsebrühe.“
Stille.
„Nuvorai.“
„Ja?“
„Ich habe Jahre damit verbracht, diese Schrift zu untersuchen.“
„Gut.“
„Das war keine Gratulation.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
Aiyana schob das Buch näher zu ihm.
„Lies das.“
Er betrachtete die nächste Zeile.
„Zwei Wurzelknollen, klein geschnitten.“
Aiyana starrte ihn an.
„Und das.“
„Getrocknete Kräuter.“
„Das?“
„Salz.“
„Das?!“
Nuvorai beugte sich näher.
„Da steht nichts.“
Aiyana blinzelte.
Sie sah auf die Stelle.
Ein Fleck.
„Das wusste ich.“
„Natürlich.“
„Nuvorai.“
Krah.
Aiyana sprang auf.
„DU KANNST DAS BUCH LESEN!“
Nuvorai fuhr zusammen.
„Offenbar.“
„Offenbar?!“
Sie begann im Zimmer auf und ab zu gehen.
„Ich habe Sprachen studiert. Ich bin durch halbe Ruinen gekrochen. Ich habe Inschriften abgezeichnet, Archive durchsucht und drei Monate gebraucht, um herauszufinden, dass ein Zeichen wahrscheinlich einfach nur Topf bedeutet!“
Nuvorai blickte auf die entsprechende Stelle.
„Kochtopf.“
Aiyana blieb stehen.
„Ich werfe dich aus dem Fenster.“
„Das Fenster ist offen.“
Sie musste lachen.
Dann wurde sie wieder ernst.
„Woher kannst du das?“
Nuvorai sah zurück auf das Buch.
Seine tiefblauen Augen wurden unsicher.
„Ich weiß es nicht.“
„Erinnerst du dich daran, diese Sprache gelernt zu haben?“
„Nein.“
„Erinnerst du dich an jemanden, der sie gesprochen hat?“
„Nein.“
„An dieses Buch?“
Nuvorai betrachtete lange den Einband.
Die kleinen Datensterne erschienen in seinen Augen.
„Nein.“
Aiyana setzte sich wieder.
Jetzt war ihre Forscherneugier endgültig geweckt.
Sie schlug eine andere Seite auf.
„Dann versuchen wir etwas.“
Ihr Finger wanderte zu einer komplizierteren Passage.
„Was steht hier?“
Nuvorai sah darauf.
„Da steht …“
Er verstummte.
Sein Kopf neigte sich zur Seite.
„Nuvorai?“
„Ich weiß es nicht.“
„Aber eben konntest du alles lesen.“
„Dieses nicht.“
Aiyana runzelte die Stirn.
„Kannst du einzelne Wörter erkennen?“
Er betrachtete die Zeile erneut.
„Feuer.“
Eine Pause.
„Dann … vielleicht warm? Nein.“
Seine Augen flackerten.
„Etwas mit Morgen.“
„Und danach?“
„Nichts.“
Das war interessant.
Sehr interessant.
Aiyana holte sofort ihr Notizbuch.
„Was machst du?“
„Forschen.“
„An mir?“
„Du bist ein sprechender weißer Rabe, der eine ausgestorbene Sprache teilweise lesen kann und nicht weiß, warum.“
Sie setzte die Stiftspitze aufs Papier.
„Natürlich forsche ich an dir.“
Nuvorai sah sie empört an.
„Ich bin kein Forschungsobjekt.“
Aiyana hielt inne.
Dann legte sie den Stift weg.
„Stimmt.“
Das kam sofort.
„Entschuldige.“
Nuvorai betrachtete sie.
Aiyana schob das Notizbuch zwischen sie.
„Wir forschen zusammen. Nur wenn du möchtest.“
Etwas in seinen Augen wurde weich.
Er hüpfte auf das Buch.
„Gut.“
„Nicht aufs Buch!“
Nuvorai hüpfte sofort wieder herunter.
„Entschuldigung.“
Aiyana strich vorsichtig über die alte Seite.
Dann mussten beide lachen.
Kapitel 3 – Nur ein Löwe?
Der Regen hatte irgendwann in der Nacht aufgehört.
Am nächsten Morgen lag die Welt vor Aiyanas Fenster noch feucht und glänzend da. Tropfen hingen an den Blättern, und aus dem Garten stieg der Geruch nasser Erde herauf.
Aiyana saß bereits seit einer guten Stunde an ihrem Tisch.
Vor ihr lagen Karten, Abschriften, Notizen und mehrere Bücher, die sie aus verschiedenen Archiven zusammengetragen hatte. In der Mitte lag das alte Rezeptbuch aus der Ruine – jenes Buch, das sie als Kind gefunden und das ihr Leben in eine Richtung gelenkt hatte, die damals niemand hätte vorhersehen können.
Und neben dem Buch saß Nuvorai.
Nicht etwa, weil er sich für ihre Forschung interessierte.
Zumindest behauptete Aiyana das.
Der weiße Rabe behauptete etwas anderes.
„Ich beobachte.“
„Du beobachtest seit fünf Minuten meine Tasche.“
„Sie gehört zu deinem Arbeitsplatz.“
„In meiner Tasche sind Arancini.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Das ist vermutlich Zufall.“
Aiyana musste grinsen.
Seit sie herausgefunden hatte, dass Nuvorai Teile der Schrift in ihrem alten Buch lesen konnte, war aus ihrer ruhigen Forschungsarbeit etwas geworden, das sie nur schwer beschreiben konnte.
Manchmal sah er eine Zeile an und las sie, als hätte er nie etwas anderes getan.
Manchmal erkannte er einzelne Wörter.
Und manchmal starrte er minutenlang auf ein Zeichen, nur um schließlich zu erklären:
„Keine Ahnung.“
Was immerhin ehrlicher war als seine gelegentlichen Vermutungen.
Aiyana zog einen Stapel Papier zu sich.
„Heute machen wir etwas anderes.“
Nuvorais Blick wanderte noch einmal zu ihrer Tasche.
„Etwas mit Arancini?“
„Nein.“
„Schade.“
„Ich habe gestern in einem alten Archiv einen Hinweis gefunden.“
Das weckte tatsächlich seine Aufmerksamkeit.
Aiyana legte die Kopie einer Zeichnung vor ihn.
Sie war nicht besonders gut erhalten. Teile fehlten, andere waren nur noch als blasse Linien zu erkennen. In der Mitte jedoch befand sich eindeutig ein Tier.
Aiyana betrachtete es.
Dann betrachtete sie Nuvorai.
Dann wieder die Zeichnung.
„Ein Löwe.“
„Ja.“
Sie wartete.
Nuvorai wartete ebenfalls.
„Das war's?“
„Was soll ich noch sagen?“
„Keine geheimnisvolle Erinnerung? Keine uralte Sprache? Keine leuchtenden Augen?“
Nuvorai beugte sich über das Blatt.
„Er sieht löwig aus.“
Aiyana starrte ihn an.
„Löwig?“
„Sehr.“
Sie sank ein Stück auf ihrem Stuhl zusammen.
Wochenlang hatte sie versucht, eine Verbindung zwischen dem alten Rezeptbuch, der riesigen Ruine aus ihrer Kindheit und anderen Funden herzustellen.
Und nun hatte sie endlich eine Spur gefunden.
Einen Löwen.
Einen vollkommen gewöhnlichen Löwen.
„Na wunderbar.“
Löwen waren faszinierende Tiere. Aber sie waren kein Beweis für eine vergessene magische Welt.
Aiyana griff in ihre Tasche und holte einen der Arancini heraus, die sie für den langen Forschungstag vorbereitet hatte.
Nuvorais Kopf bewegte sich mit.
Nach links.
Nach rechts.
Bis der Arancino vor Aiyana auf dem Teller lag.
„Nein.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Deine Augen haben gesprochen.“
„Meine Augen können das.“
Aiyana wollte antworten.
Dann hielt sie inne.
„Bei dir leider tatsächlich.“
Winzige blaue Lichtpunkte erschienen in Nuvorais Augen.
Er wirkte ausgesprochen zufrieden mit sich.
Aiyana biss in ihren Arancino und nahm die Zeichnung wieder zur Hand.
Etwas störte sie.
Nicht der Löwe selbst.
Die Linien um ihn herum.
Sie hatte sie zunächst für Beschädigungen gehalten.
„Moment.“
Sie legte das Essen weg.
Nuvorai sah bedauernd hinterher.
Aiyana zog die Lampe näher und betrachtete das Blatt unter stärkerem Licht.
„Das sind keine Kratzer.“
Nuvorai kam näher.
Um den Kopf des Löwen verliefen feine Bögen.
Nicht wie eine Mähne.
Eher wie Strahlen.
Aiyana holte die Beschreibung des Fundes hervor.
„Die Platte wurde in einer alten Siedlung gefunden. Weit südlich der Ruine mit dem Rezeptbuch.“
„Also hat sie nichts damit zu tun.“
„Vielleicht nicht.“
Das war ein Satz, den Forscher häufig sagen mussten.
Vielleicht nicht.
Und ebenso häufig bedeutete er:
Aber vielleicht doch.
Aiyana blätterte weiter.
Eine zweite Zeichnung.
Wieder Löwen.
Diesmal mehrere.
Einige waren unter einem kreisförmigen Zeichen dargestellt.
Andere unter einer schmalen Sichel.
Aiyana richtete sich auf.
„Sonne und Mond.“
Nuvorai sah genauer hin.
„Sieht so aus.“
„Zwei Gruppen.“
Zwischen den Darstellungen verlief eine Linie.
Keine Mauer.
Kein Fluss.
Nur eine Grenze.
Aiyana vergaß ihren Arancino.
Was Nuvorai offenbar bemerkte.
Sehr aufmerksam sogar.
Sein Schnabel näherte sich dem Teller.
„Nuvorai.“
Der Schnabel hielt inne.
„Mhm?“
„Das ist meiner.“
„Ich wollte nur prüfen, ob er noch da ist.“
„Ist er.“
„Ausgezeichnet.“
Aiyana schob den Teller ein Stück weiter weg.
Dann las sie die Fundbeschreibung erneut.
Die Darstellung war deutlich älter als die menschliche Siedlung, in deren Nähe sie gefunden worden war. Niemand wusste, wer sie angefertigt hatte.
Weiße Löwen waren nichts Unmögliches.
Aber Löwen, die bewusst Sonne und Mond zugeordnet wurden?
Das war zumindest ungewöhnlich.
Sie nahm ein weiteres Blatt.
Darauf befand sich eine Abschrift von Zeichen, die neben den Löwen gefunden worden waren.
Aiyana kannte einige davon.
Andere nicht.
„Nuvorai?“
Der Rabe hüpfte näher.
Seine tiefblauen Augen wanderten über die Zeichen.
Einen Moment geschah nichts.
Dann erschienen darin winzige Lichtpunkte.
Einer.
Zwei.
Viele.
Wie kleine Sterne.
Aiyana sagte nichts.
Sie hatte gelernt, ihn in solchen Momenten nicht zu drängen.
„Das hier…“
Nuvorai berührte mit der Schnabelspitze ein Zeichen.
„Ich kenne es.“
Aiyana beugte sich vor.
„Was bedeutet es?“
Er schwieg.
Seine Augen wurden schmal.
„Licht.“
Aiyana schrieb das Wort auf.
„Sicher?“
„Nein.“
Sie hielt inne.
„Das ist neu.“
„Was?“
„Dass du zugibst, nicht sicher zu sein.“
Nuvorai sah sie empört an.
„Ich bin häufig nicht sicher.“
„Du klingst dabei nur immer sehr sicher.“
„Das ist etwas anderes.“
Aiyana grinste.
Dann deutete sie auf ein weiteres Zeichen.
Nuvorai betrachtete es länger.
„Pfad.“
Ihr Stift blieb über dem Papier stehen.
„Pfad?“
„Ja.“
„Sicher?“
Pause.
„… ziemlich.“
„Das ist keine wissenschaftliche Maßeinheit.“
„Sollte es sein.“
Aiyana schrieb trotzdem:
Pfad?
mit einem großen Fragezeichen dahinter.
Die Stunden vergingen.
Aus einer Zeichnung wurden drei.
Aus drei wurden sieben.
Immer wieder dieselben Motive.
Helle Löwen.
Sonne.
Mond.
Getrennte Wege.
Und etwas, das Aiyana noch nicht verstand.
Sie bemerkte nicht, wie lange sie schon über den Unterlagen saß.
Auch nicht, dass ihre Konzentration langsam nachließ.
Sie las einen Absatz.
Dann noch einmal.
Und noch einmal.
Wo war ihr Bleistift?
Aiyana tastete zwischen den Papieren.
Nichts.
„Wo ist mein Stift?“
Nuvorai sah auf ihre rechte Hand.
Aiyana folgte seinem Blick.
Der Bleistift steckte zwischen ihren Fingern.
„Oh.“
Sie lachte leise.
„Das war jetzt ein bisschen dämlich.“
Nuvorai lachte nicht.
Er beobachtete sie.
Aiyana arbeitete weiter.
Eine Zeile.
Noch eine.
Sie strich sich über die Stirn.
Irgendwie fühlte sich alles ein wenig langsamer an.
Nicht schlimm.
Nur…
seltsam.
Nuvorai sprang vom Tisch auf die Rückenlehne ihres Stuhls.
Dann näher.
Er streckte den Kopf vor.
„Aiyana?“
„Mhm?“
Er schnupperte.
Aiyana drehte den Kopf.
„Hast du gerade an mir gerochen?“
„Ja.“
„Warum?“
Nuvorai schnupperte noch einmal.
„Du riechst anders.“
Aiyana hob eine Augenbraue.
„Das ist eine bemerkenswert unhöfliche Art, mit einer Frau zu sprechen.“
„Nicht schlecht.“
Seine Stimme war ungewöhnlich ernst.
„Anders.“
Aiyana wollte sich wieder ihren Unterlagen zuwenden.
Nuvorai hüpfte direkt auf das Papier.
„He.“
Er blieb sitzen.
„Messen.“
Jetzt sah sie ihn an.
„Was?“
„Deinen Blutzucker.“
Aiyana blinzelte.
Natürlich.
Er hatte sie dabei schon gesehen. Damals, als er zum ersten Mal gesprochen hatte.
Sie hatte ihm erklärt, was Diabetes war. Warum sie ihren Blutzucker kontrollierte. Warum sie Kohlenhydrate berechnete und Insulin brauchte.
„Mir geht's gut.“
Nuvorai bewegte sich keinen Zentimeter.
„Messen.“
„Nuvorai.“
„Aiyana.“
Sie verschränkte die Arme.
Er sah sie an.
Sie sah ihn an.
„Du bist ganz schön bestimmend für jemanden, der vorhin meinen Arancino stehlen wollte.“
„Das hat nichts miteinander zu tun.“
„Ich glaube schon.“
„Messen.“
Aiyana seufzte.
„Klugscheißer.“
„Krah.“
Trotzdem holte sie ihr Messgerät hervor.
Stechhilfe.
Teststreifen.
Ein kleiner Stich in den Finger.
Ein Tropfen Blut.
Nuvorai beobachtete alles mit jener konzentrierten Abneigung, die er schon beim ersten Mal gezeigt hatte.
Dann erschien der Wert.
Aiyana wurde still.
Zu niedrig.
„Oh.“
Nuvorai sah vom Gerät zu ihr.
„Oh?“
„Unterzucker.“
Er stellte die Federn etwas auf.
„Ist das gefährlich?“
„Wenn ich nichts dagegen mache, kann es gefährlich werden. Deshalb mache ich jetzt etwas dagegen.“
Sie sprach ruhig.
Nicht nur für ihn.
Auch für sich.
Aiyana holte die schnell verfügbaren Kohlenhydrate hervor, die sie für solche Situationen bei sich hatte, nahm die nötige Menge und lehnte sich zurück.
„Und jetzt?“
„Warten.“
Nuvorai setzte sich unmittelbar neben sie.
„Wie lange?“
„Ein bisschen. Dann messe ich noch einmal.“
Er schwieg.
Aiyana sah ihn von der Seite an.
„Du musst mich nicht anstarren.“
„Ich starre nicht.“
„Du starrst.“
„Ich beobachte.“
„Natürlich.“
Sie lächelte.
Dann wurde sie nachdenklich.
„Nuvorai?“
„Ja?“
„Woher wusstest du das?“
Jetzt war er es, der keine Antwort hatte.
„Ich wusste es nicht.“
„Aber du hast gesagt, ich soll messen.“
„Weil du anders warst.“
„Wie anders?“
Er suchte nach Worten.
„Dein Geruch.“
Aiyana wartete.
„Und du warst langsamer.“
„Langsamer?“
„Du hast deinen Stift gesucht.“
„Das kann jedem passieren.“
„Er war in deiner Hand.“
„Details.“
Nuvorai ließ sich davon nicht ablenken.
„Deine Bewegungen waren anders. Und dein Geruch.“
Aiyana betrachtete ihn lange.
Das war interessant.
Sehr interessant.
Aber sie zwang sich, die Forscherin in ihrem Kopf daran zu hindern, sofort eine Theorie daraus zu bauen.
Ein einziges Ereignis war kein Beweis.
„Wir beobachten das.“
Nuvorai blinzelte.
„Wir?“
„Natürlich wir.“
„Du erforschst mich schon wieder.“
„Nein.“
Aiyana deutete auf sich.
„Diesmal erforsche ich mich.“
Kurze Pause.
„Das ist in Ordnung.“
Sie lachte.
Einige Zeit später maß sie erneut.
Der Wert entwickelte sich wieder in die richtige Richtung.
Erst dann schien Nuvorai zufrieden.
Aiyana räumte das Messgerät weg.
„Siehst du? Alles gut.“
„Mhm.“
„Was bedeutet dieses Mhm?“
„Dass ich beim nächsten Mal wieder sage, dass du messen sollst.“
„Es gibt vielleicht gar kein nächstes Mal.“
Nuvorai sah sie an.
Aiyana sah zurück.
„Na gut. Wahrscheinlich gibt es irgendwann ein nächstes Mal.“
„Messen.“
„Jetzt nicht!“
„Ich übe.“
Aiyana lachte so plötzlich, dass Nuvorai einen kleinen Satz zur Seite machte.
„Du bist schlimmer als mein Arzt.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Kann dein Arzt fliegen?“
Sie starrte ihn an.
„Klugscheißer.“
„Krah.“
Erst als Aiyana sich wieder vollkommen klar fühlte, kehrten sie zu den Fundstücken zurück.
Diesmal langsamer.
Und mit einer Pause.
Aiyana nahm endlich ihren halb vergessenen Arancino wieder.
Oder wollte es zumindest.
Der Teller war leer.
Sie sah auf den Teller.
Dann auf Nuvorai.
Der Rabe putzte äußerst gewissenhaft eine seiner weißen Brustfedern.
„Nuvorai.“
„Mhm?“
„Wo ist mein Arancino?“
„Ein ungelöstes Rätsel.“
„Du hast ihn gegessen.“
„Das ist eine Theorie.“
„Da liegen Krümel vor deinen Füßen.“
Nuvorai sah hinunter.
Pause.
„Starke Indizien.“
Aiyana schüttelte lachend den Kopf und zog die nächste Abschrift heran.
Dabei bemerkte sie etwas.
Eine kleine Zeichnung am unteren Rand.
Sie hatte sie vorher übersehen.
Zwei Löwen standen einander gegenüber.
Der eine unter einer Sonne.
Der andere unter einem Mond.
Zwischen ihnen verlief keine Grenze.
Dort war ein Weg.
Aiyana legte den Arancini-Diebstahl augenblicklich zu den Akten.
„Nuvorai.“
Er kam näher.
Unter den beiden Löwen standen drei Zeichen.
Das erste kannte Aiyana inzwischen.
Pfad.
Das zweite war beschädigt.
Das dritte hatte sie noch nie gesehen.
Nuvorais Augen begannen zu leuchten.
Sehr schwach.
Dann stärker.
Winzige blaue Sterne spiegelten sich darin.
Er starrte auf die beiden Löwen.
„Da ist etwas.“
Aiyana bewegte sich nicht.
„Eine Erinnerung?“
„Vielleicht.“
Seine Stimme war leiser geworden.
„Was siehst du?“
Nuvorai schloss die Augen.
Für einen Augenblick schien er weit fort zu sein.
Dann öffnete er sie wieder.
„Licht.“
Er sah auf die Sonne.
„Und…“
Sein Blick wanderte zum Mond.
„Ein Weg, der nicht geschlossen sein sollte.“
Aiyana bekam eine Gänsehaut.
„Kennst du diese Löwen?“
Nuvorai schwieg lange.
Schließlich schüttelte er den Kopf.
„Nein.“
Diesmal klang er sicher.
„Aber irgendetwas in mir kennt diese Zeichen.“
Aiyana sah wieder auf die Abbildung.
Weiße Löwen.
Zwei Gruppen.
Sonne und Mond.
Getrennte Wege.
Und eine uralte Darstellung, auf der diese Wege wieder zusammenführten.
Langsam nahm sie ihren Stift.
Neben ihre erste Notiz –
Darstellung gewöhnlicher Löwen?
– setzte sie einen kräftigen Strich.
Darunter schrieb sie:
Keine gewöhnlichen Löwen.
Nuvorai las über ihre Schulter.
„Das ist wissenschaftlich?“
„Sehr.“
„Du hast keine Beweise.“
Aiyana drehte sich zu ihm.
„Hat gerade der Rabe, der eine ausgestorbene Sprache lesen kann und meinen Unterzucker riecht, meine wissenschaftliche Sorgfalt infrage gestellt?“
Nuvorai dachte darüber nach.
„Ja.“
Aiyana musste lachen.
Dann blickte sie wieder auf Sonne und Mond.
Noch wusste sie nicht, wer diese Löwen gewesen waren.
Sie kannte ihre Namen nicht.
Sie wusste nicht, warum ihre Wege getrennt worden waren.
Und sie ahnte noch nicht, dass irgendwo unter all den verlorenen Geschichten zwei Namen darauf warteten, wiedergefunden zu werden.
Nuru.
Safiya.
Für heute hatte Aiyana nur einen Löwen finden wollen.
Stattdessen hatte sie eine Tür geöffnet.
Und hinter ihr begann eine Savanne. 💙🦁☀️🌙
Kapitel 4 – Das Gasthaus der Drachen
Aiyana hatte inzwischen gelernt, dass Forschung aus drei Dingen bestand.
Geduld.
Zweifeln.
Und der Fähigkeit, einen Tisch so vollständig mit Papieren zu bedecken, dass man irgendwann nicht mehr wusste, welche Farbe er eigentlich hatte.
Nuvorai hatte eine vierte wissenschaftliche Grundregel hinzugefügt.
Essen.
„Du hast schon wieder gekocht.“
Aiyana blickte von ihren Unterlagen auf.
Der weiße Rabe saß auf der Rückenlehne des gegenüberliegenden Stuhls und beobachtete die Schüssel, die sie gerade auf dem einzigen noch freien Stück Tisch abgestellt hatte.
„Das machen Menschen gelegentlich.“
„Es riecht gut.“
„Das machen Essen gelegentlich.“
Nuvorai hüpfte näher.
Aiyana nahm ihre Gabel.
„Nudeln mit Tomatensoße und Käse.“
„Käse.“
„Du hast erstaunlich schnell gelernt, welche Wörter für dich wichtig sind.“
„Ich beherrsche Prioritäten.“
„Das merke ich.“
Sie drehte einige Nudeln auf die Gabel.
Nuvorais Blick folgte ihnen nach oben.
Aiyana hielt inne.
Seine tiefblauen Augen wanderten zur Gabel.
Dann zu ihr.
„Nein.“
„Ich habe überhaupt nichts gesagt.“
„Du wolltest etwas.“
„Ja.“
Aiyana wartete.
„Ich wollte über Drachen sprechen.“
Sie musste lachen.
„Natürlich.“
„Krah.“
Seit ihrer Entdeckung der alten Löwendarstellungen waren einige Tage vergangen.
Aiyana hatte inzwischen sämtliche verfügbaren Abschriften katalogisiert und ihre Notizen ordentlich—
Sie blickte auf den Tisch.
Nun ja.
Katalogisiert.
Ordentlich war vielleicht zu viel behauptet.
Die weißen Löwen beschäftigten sie weiterhin. Zwei Gruppen, Sonne und Mond, getrennte Wege und Hinweise auf etwas, das möglicherweise weit über das Verhalten gewöhnlicher Tiere hinausging.
Doch heute lagen keine Löwen vor ihr.
Heute lag dort ein Gasthaus.
Zumindest behauptete der Archivar, von dem Aiyana die Abschrift erhalten hatte, dass es eines gewesen war.
Das Original befand sich mehrere Tagesreisen entfernt und bestand aus einer stark beschädigten Steintafel. Irgendjemand hatte vor langer Zeit versucht, das darauf dargestellte Gebäude zu rekonstruieren.
Aiyana hatte die Kopie zunächst nur überflogen.
Dann hatte sie die Maße gelesen.
Seitdem lag sie vor ihr.
„Das gefällt mir nicht“, murmelte sie.
Nuvorai riss seinen Blick von ihrem Essen los.
„Was?“
Aiyana schob ihm die Zeichnung hin.
„Das Gebäude.“
Er betrachtete es.
„Es ist groß.“
„Sehr groß.“
„Vielleicht hatten die Bewohner viel Platz.“
„Oder die Bewohner waren groß.“
Nuvorai hob den Kopf.
Aiyana zog eine zweite Mappe heran.
Diese musste sie nicht beschriften, um zu wissen, was darin lag.
Sie hatte sie unzählige Male geöffnet.
Vorsichtig nahm sie eine alte Zeichnung heraus.
Die Ruine.
Das Gebäude hinter der Höhle.
Der Ort, an dem sie als Kind das Buch gefunden hatte, das noch heute neben ihr auf dem Tisch lag.
Aiyana legte beide Bilder nebeneinander.
Nuvorai wurde still.
„Sieh dir die Eingänge an.“
Er tat es.
„Und die Fenster.“
Aiyana deutete darauf.
„Die Proportionen sind nicht gleich. Aber ähnlich.“
Sie nahm einen Bissen.
Kaute.
Sah wieder hin.
„Vielleicht zu ähnlich.“
Nuvorai sprang auf den Tisch.
Er näherte sich der neuen Zeichnung und betrachtete sie so aufmerksam, dass seine Schnabelspitze beinahe das Papier berührte.
Aiyana wartete.
Keine Datensterne.
Keine Erinnerung.
Nichts.
„Na?“
„Groß.“
„Das hatten wir bereits.“
„Alt.“
„Das wusste ich auch.“
„Kaputt.“
Aiyana legte die Gabel hin.
„Dein Beitrag zur Wissenschaft ist heute überwältigend.“
„Danke.“
„Das war kein Lob.“
„Zu spät.“
Aiyana grinste.
Dann nahm sie das nächste Blatt.
„Es gibt noch etwas.“
Darauf war dieselbe Anlage aus einer anderen Perspektive dargestellt.
Vor dem Gebäude standen zwei Wesen.
Aiyana hatte zunächst geglaubt, dass die Rekonstruktion fehlerhaft sein musste.
Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher.
Vier kräftige Beine.
Lange Schweife.
Große Flügel.
Hälse, die sich über den Eingang erhoben.
Zwei Drachen.
Und beide waren hell dargestellt.
Nicht identisch.
Einer wirkte etwas kühler, fast silbrig im Licht der alten Zeichnung. Der andere trug weichere, wärmere helle Schattierungen.
Doch keiner von ihnen war dunkel.
Aiyana sah zu Nuvorai.
„Jetzt darfst du.“
„Was?“
„Drachig.“
Nuvorai blinzelte.
Dann betrachtete er die Abbildung.
„Sehr drachig.“
„Danke.“
Aiyana nahm ihre Gabel wieder.
Doch Nuvorai bewegte sich nicht.
Etwas hatte sich verändert.
Ganz leicht nur.
Sein Körper war still geworden.
Nicht die entspannte Ruhe eines Vogels, der beobachtete.
Eine andere Stille.
Aiyana kannte sie inzwischen.
„Nuvorai?“
Winzige blaue Punkte erschienen in seinen Augen.
Einer.
Dann zwei.
Dann verschwanden sie wieder.
„Ich kenne das.“
Aiyana stellte die Schüssel zur Seite.
„Die Drachen?“
„Nein.“
„Das Gebäude?“
Nuvorai betrachtete es.
„Ja.“
Seine Antwort kam sofort.
Aiyana griff nach ihrem Stift.
Dann erinnerte sie sich an die Löwen.
Sie legte ihn wieder hin.
„Was genau kennst du?“
„Den Eingang.“
Er deutete mit dem Schnabel auf die breite Öffnung.
„Und dort…“
Sein Kopf wanderte zur Seite.
„Da war Feuer.“
„Eine Feuerstelle?“
„Mehrere.“
Aiyana sah auf ihre eigene Zeichnung der Ruine.
Dort hatte es tatsächlich ungewöhnlich große Feuerstellen gegeben.
„Was noch?“
Nuvorai schloss die Augen.
„Stimmen.“
„Wessen Stimmen?“
„Viele.“
„Menschen?“
„Nein.“
Wieder diese schnelle Sicherheit.
Aiyana sagte nichts.
Nuvorais Augen öffneten sich.
„Reisende.“
„Welche Reisenden?“
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana nahm nun doch ihren Stift.
Großes Gebäude. Feuerstellen. Viele Stimmen. Reisende.
Hinter jedes Wort setzte sie ein kleines Fragezeichen.
Nuvorai bemerkte es.
„Warum überall Fragezeichen?“
„Weil du dich falsch erinnern kannst.“
„Vielleicht erinnere ich mich diesmal richtig.“
„Vielleicht.“
„Du glaubst mir nicht.“
Aiyana sah ihn an.
„Doch. Ich glaube dir, dass du etwas erinnerst.“
Sie tippte mit dem Stift gegen das Papier.
„Ich weiß nur nicht, ob deine Erinnerung weiß, woran sie sich erinnert.“
Nuvorai schwieg.
Dann nickte er.
„Das ist verwirrend.“
„Willkommen in meinem Beruf.“
Sie blätterte weiter.
Mehrere Fragmente waren in derselben Region gefunden worden. Auf einem waren Tische dargestellt. Auf einem anderen große Gefäße.
Und immer wieder Drachen.
Aiyana legte die Blätter nebeneinander.
„Ein Gasthaus“, murmelte sie.
Nuvorai sah auf.
„Ja.“
Aiyana erstarrte.
„Was?“
„Es war ein Gasthaus.“
Sie drehte sich langsam zu ihm.
„Das weißt du?“
„Ja.“
Diesmal waren die Datensterne deutlich zu sehen.
„Du erinnerst dich daran?“
„Ich glaube schon.“
Aiyana wartete.
Nuvorai sah auf die Darstellung.
„Reisende kamen hierher.“
Seine Stimme wurde ruhiger.
„Sie aßen. Sie erzählten Geschichten.“
Aiyana schrieb.
„Und die Drachen?“
„Besucher.“
„Beide?“
„Ja.“
„Sie kamen dorthin?“
„Manchmal.“
Aiyana setzte hinter das Wort Besucher ein besonders großes Fragezeichen.
Nuvorai sah es.
„Ich bin sicher.“
„Das macht mir inzwischen eher Sorgen.“
„Sehr witzig.“
„War nicht als Witz gemeint.“
„Noch schlimmer.“
Aiyana lächelte und nahm wieder einen Bissen ihrer Nudeln.
Während sie aß, zog sie die letzte Abschrift aus der Mappe.
Es war hauptsächlich Text.
Nur wenige Zeichen konnte sie selbst entziffern.
Seit Nuvorai begonnen hatte, Teile der alten Schrift zu erkennen, arbeitete sie anders damit. Sie ließ ihn zuerst lesen, ohne ihm ihre eigenen Vermutungen zu verraten.
So konnte sie besser unterscheiden, was er tatsächlich erkannte und was er möglicherweise aus ihren Hinweisen ableitete.
Sie legte die Abschrift vor ihn.
„Bitte.“
Nuvorai betrachtete die erste Zeile.
„Haus.“
Aiyana schrieb.
„Reisende.“
Sie schrieb weiter.
„Feuer.“
Dann hielt er inne.
Seine Augen verengten sich.
„Das kenne ich nicht.“
„Gut.“
„Gut?“
„Dass du es sagst.“
Er las weiter.
Ein Wort.
Noch eines.
Dann ein längerer Abschnitt.
„Geschichten.“
Aiyana blickte auf.
„Geschichten?“
„Ja.“
„Sicher?“
Nuvorai dachte nach.
„Ziemlich.“
„Akzeptiert.“
Dann kam er zu zwei Zeichen, die mehrfach nebeneinander standen.
Seine Datensterne leuchteten auf.
„Namen.“
Aiyana richtete sich auf.
„Kannst du sie lesen?“
Nuvorai starrte darauf.
Lange.
„Nein.“
Aiyana spürte einen kleinen Stich der Enttäuschung.
„Gar nicht?“
„Nein.“
Er berührte das erste Zeichen vorsichtig mit dem Schnabel.
„Aber…“
Aiyana wartete.
„Das fühlt sich vertraut an.“
„Ein Name fühlt sich vertraut an?“
„Ich weiß nicht, wie ich es anders erklären soll.“
„Dann erklär es nicht anders.“
Sie schrieb:
Zwei Namen. Nuvorai erkennt sie nicht, reagiert aber darauf.
Unter dem Text befand sich eine jüngere Übersetzung.
Nicht vollständig.
Offenbar hatte jemand vor langer Zeit bereits versucht, dieselbe Inschrift zu deuten.
Aiyana las.
Einmal.
Dann ein zweites Mal.
Und beim dritten Mal legte sie langsam ihre Gabel ab.
Nuvorai bemerkte es.
„Was?“
Aiyana sagte nichts.
Sie las die entscheidende Stelle noch einmal.
Dann blickte sie zu den beiden hellen Drachen.
„Nuvorai.“
„Ja?“
„Du hast gesagt, die Drachen seien Besucher gewesen.“
„Waren sie.“
„Du bist sicher.“
„Ja.“
Aiyana drehte das Blatt zu ihm.
„Hier steht etwas anderes.“
Nuvorai sah darauf.
„Was?“
„Soweit die Übersetzung stimmt…“
Sie fuhr mit dem Finger über die Zeile.
„…gehörte das Gasthaus ihnen.“
Stille.
Nuvorai blickte zur Schrift.
Dann zu den beiden Drachen.
Wieder zur Schrift.
„Oh.“
Aiyana verschränkte die Arme.
„Oh?“
„Das ist unerwartet.“
„Für dich vielleicht.“
„Meine Erinnerung war sehr überzeugend.“
„Deine Erinnerung hat die Besitzer ihres eigenen Gasthauses zu Gästen gemacht.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Vielleicht waren sie gelegentlich auch Gäste.“
„In ihrem eigenen Gasthaus?“
„Man kann sich hinsetzen.“
Aiyana presste die Lippen zusammen.
„Nuvorai.“
„Meine Erinnerung war vielleicht…“
Er suchte nach einem Wort.
Aiyana wartete.
„…kreativ.“
Sie brach in Gelächter aus.
Nuvorai stellte die Brustfedern auf.
„Das ist nicht lustig.“
„Doch.“
„Ich habe ein beschädigtes Gedächtnis.“
Aiyana wurde sofort ruhiger.
„Darüber lache ich nicht.“
Nuvorai sah sie an.
Sie deutete auf das Blatt.
„Ich lache darüber, dass dein beschädigtes Gedächtnis offenbar mit sehr großer Überzeugung Unsinn erzählen kann.“
Nuvorai dachte darüber nach.
„Das ist tatsächlich etwas lustig.“
„Siehst du.“
„Aber nur etwas.“
„Natürlich.“
Aiyana schrieb unter ihre Notizen:
Nuvorais Erinnerungen niemals ungeprüft übernehmen.
Darunter setzte sie:
Auch nicht, wenn der Rabe SEHR sicher ist.
„Das zweite ist unnötig.“
„Das zweite ist besonders wichtig.“
„Krah.“
Aiyana grinste.
Dann sah sie wieder auf die beiden Drachen.
Besitzer.
Zwei helle Drachen hatten offenbar gemeinsam ein Gasthaus geführt.
Und wenn die Übersetzung der nächsten Fragmente stimmte, war es kein gewöhnliches Gasthaus gewesen.
Reisende kamen dort zusammen.
Sie erzählten Geschichten.
Sie brachten Nachrichten aus entfernten Regionen.
Und jemand hatte diese Geschichten aufgeschrieben.
Aiyana bekam Gänsehaut.
„Nuvorai.“
„Mhm?“
„Wenn hier tatsächlich Berichte gesammelt wurden…“
Sie sah auf die Löwenunterlagen am anderen Ende des Tisches.
„…dann könnten dort Informationen über andere Wesen gelandet sein.“
Nuvorai folgte ihrem Blick.
„Die Löwen.“
„Vielleicht.“
Aiyana nahm das alte Rezeptbuch.
Zum ersten Mal legte sie es direkt neben die Zeichnung des Gasthauses.
Die Größe der Räume.
Die Feuerstellen.
Die ungewöhnlichen Türen.
Das Buch voller Gerichte.
Ein Gebäude, das für Menschen viel zu groß gewesen war.
Und irgendwo in einer anderen Region die Darstellung eines Gasthauses, das von Drachen geführt wurde.
Es passte.
Viel zu gut.
Und gleichzeitig noch lange nicht gut genug.
„Nein“, sagte Aiyana leise.
Nuvorai sah sie an.
„Nein?“
„Ich werde nicht behaupten, dass meine Ruine dieses Gasthaus ist.“
Sie legte die Hand auf das alte Buch.
„Noch nicht.“
Nuvorai betrachtete beide Bilder.
„Aber du denkst es.“
„Ich denke, dass es möglich ist.“
„Ziemlich möglich?“
Aiyana sah ihn an.
„Fang nicht damit an.“
„Sehr ziemlich möglich?“
„Nuvorai.“
„Krah.“
Sie schob ihm die nächste Abbildung hin.
Darauf war das Innere des Gasthauses dargestellt.
Große Tische.
Feuerstellen.
Mehrere undeutliche Wesen.
Einer der hellen Drachen stand im Hintergrund.
Der andere saß an etwas, das wie ein großer Tisch wirkte.
Vielleicht schrieb er.
Vielleicht war das auch nur eine Beschädigung.
Aiyana nahm die Lupe.
„Interessant.“
„Was?“
„Da.“
Sie zeigte auf die obere Ecke der Darstellung.
Auf einem Balken saß etwas Kleines.
Ein Vogel.
Nicht mehr als ein paar eingeritzte Linien.
Nuvorai betrachtete ihn.
„Ein Vogel.“
Aiyana lächelte.
„Sehr vogelig.“
Langsam drehte Nuvorai den Kopf zu ihr.
„Das ist mein Wort.“
„Jetzt ist es unseres.“
„Nein.“
„Doch.“
„Ich erhebe Anspruch darauf.“
„Dann musst du nachweisen, dass du es erfunden hast.“
Nuvorai öffnete den Schnabel.
Schloss ihn wieder.
„Meine Erinnerung sagt, dass ich es erfunden habe.“
Aiyana lachte.
„Damit hast du gerade deine eigene Beweisführung zerstört.“
„Krah.“
Der Vogel auf der Zeichnung interessierte sie nicht weiter.
Warum sollte er auch?
Ein Gasthaus voller Reisender konnte durchaus einen Vogel beherbergt haben.
Vielleicht war er ein Haustier gewesen.
Vielleicht gehörte er zu einem Reisenden.
Vielleicht hatte der Künstler einfach etwas in den Hintergrund gesetzt.
Aiyana legte die Abbildung zur Seite.
Nuvorai hingegen sah noch einen Augenblick länger darauf.
Etwas zog durch seinen Kopf.
Ein Balken.
Wärme.
Stimmen.
Ein helles Wesen, das lachte.
Ein anderes, das schrieb.
Der Geruch von Kräutern.
Feuer.
Und das Gefühl, von oben auf einen großen Raum hinunterzusehen.
Dann war alles fort.
Nuvorai blinzelte.
„Aiyana.“
Sie sah sofort auf.
„Erinnerung?“
„Vielleicht.“
Sie wartete.
„Ich glaube…“
Er betrachtete die Zeichnung des Gasthauses.
„Ich saß dort oben.“
Aiyana folgte seinem Blick zum Vogel.
„Auf dem Balken?“
„Ja.“
„Bist du sicher?“
Nuvorai öffnete den Schnabel.
Dann schloss er ihn wieder.
Aiyana musste lächeln.
„Sehr gut.“
„Was?“
„Du hast nachgedacht, bevor du sicher gesagt hast.“
„Ich lerne.“
„Also?“
Nuvorai sah noch einmal hin.
„Nein.“
Seine Stimme war leise.
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana schrieb:
Vogel auf Balken. Nuvorai glaubt möglicherweise, dort gesessen zu haben. Keine Bestätigung.
Nuvorai las mit.
Diesmal beschwerte er sich nicht.
Er sah nur auf die kleine Vogelsilhouette.
Irgendetwas daran fühlte sich richtig an.
Aber auch das bedeutete nichts.
Noch nicht.
Aiyana legte schließlich ihren Stift weg.
Ihre Nudeln waren inzwischen fast kalt.
Sie nahm trotzdem noch einen Bissen.
Nuvorai beobachtete sie.
„Aiyana?“
„Mhm?“
„Wenn die Drachen das Gasthaus besessen haben…“
„Ja?“
„Dann gab es dort wahrscheinlich Essen.“
Aiyana kaute.
„Das ist deine Schlussfolgerung aus unserer heutigen Forschung?“
„Eine davon.“
„Und deshalb möchtest du jetzt meine Nudeln.“
„Nein.“
Aiyana hob eine Augenbraue.
Nuvorai sah demonstrativ zur Seite.
„Vielleicht den Käse.“
Sie schüttelte lachend den Kopf.
„Du bist unmöglich.“
„Das kannst du nicht beweisen.“
„Ich sammle täglich neue Belege.“
„Krah.“
Aiyana blickte noch einmal über den Tisch.
Die weißen Löwen.
Das alte Rezeptbuch.
Die zwei hellen Drachen.
Das Gasthaus.
Und irgendwo auf einem uralten Balken ein winziger Vogel.
Noch waren es einzelne Fäden.
Keine Geschichte.
Aber zum ersten Mal hatte Aiyana das Gefühl, dass die Fäden nicht zufällig nebeneinanderlagen.
Irgendwo mussten sie zusammenlaufen.
Sie kannte die Namen der beiden Drachen noch nicht.
Sie wusste nicht, dass einst Kaelun und Aurelia durch diese Räume gegangen waren.
Sie wusste nicht, wie viele Reisende dort gegessen, gelacht und ihre Geschichten erzählt hatten.
Und sie wusste erst recht nicht, warum ein kleiner Vogel auf einer alten Darstellung Nuvorai das seltsame Gefühl gab, nach Hause zu schauen.
All das würde warten müssen.
Geschichten, das wusste Aiyana inzwischen, ließen sich nicht zwingen.
Man musste ihren Spuren folgen.
Stück für Stück.
Und manchmal musste man akzeptieren, dass der einzige Zeuge, den man hatte, ein weißer Rabe mit kaputtem Gedächtnis war.
Ein Rabe, der gerade versuchte, unbemerkt ein Stück geriebenen Käse von ihrem Teller zu stehlen.
„Nuvorai.“
Der Schnabel erstarrte.
„Mhm?“
„Ich sehe dich.“
Langsam zog er den Kopf zurück.
„Falsche Erinnerung.“
Aiyana prustete los.
„Krah.“
Und irgendwo tief hinter seinen zerbrochenen Erinnerungen blieb für einen winzigen Moment das Bild eines warmen Gasthauses bestehen.
Zwei helle Drachen.
Viele Stimmen.
Geschichten aus fernen Ländern.
Und ein weißer Vogel, der hoch oben auf einem Balken saß.
Still.
Wachsam.
Als hätte er damals schon gewusst, dass seine Aufgabe niemals darin bestanden hatte, die Geschichten zu lenken.
Nur darüber zu wachen, dass sie weitergehen konnten. 💙🐦🐉✨
Kapitel 5 – Der Weg unter den Wurzeln
Der Hinweis war unscheinbar gewesen.
So unscheinbar, dass Aiyana ihn beinahe übersehen hätte.
Keine große Entdeckung. Keine spektakuläre Zeichnung eines Wesens, das eigentlich nicht existieren durfte. Nicht einmal eine vollständig erhaltene Inschrift.
Nur eine alte Karte.
Sie hatte zwischen den Unterlagen gelegen, die Aiyana nach ihrer Untersuchung des Drachengasthauses noch einmal durchgesehen hatte. Ein früherer Forscher hatte darauf mehrere Fundorte markiert. Die meisten waren bekannt.
Einer nicht.
Ein kleines Zeichen am Rand einer dicht bewaldeten Region.
Daneben drei kaum lesbare Wörter:
Wald. Heilung. Pferde.
Aiyana hatte das Wort Pferde angestarrt.
Dann zu Nuvorai gesehen.
„Nein.“
Der weiße Rabe saß auf einem Bücherstapel.
„Was nein?“
„Ich werde nicht schon wieder wegen eines normalen Tieres drei Tage meines Lebens verlieren.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Die Löwen waren auch normal.“
Aiyana sah ihn an.
„Waren sie eben nicht.“
„Das weißt du jetzt.“
Stille.
„Ich mag dich manchmal nicht.“
„Das ist gelogen.“
Aiyana musste grinsen.
Leider hatte der Rabe einen Punkt.
Und zwei Tage später saß sie in einem Zug.
Die letzten Kilometer führten über schmale Straßen, danach über einen Wanderweg und schließlich über etwas, das auf ihrer Karte optimistisch als Pfad bezeichnet wurde.
Aiyana nannte es Gestrüpp.
„Das ist kein Weg.“
Nuvorai flog einige Meter vor ihr.
„Doch.“
„Wo?“
Er landete auf einem Ast.
„Unter dir.“
Aiyana sah auf Farn, Wurzeln und feuchtes Laub.
„Das ist Waldboden.“
„Auf dem du gehst.“
„Ich fange an zu verstehen, warum niemand vor mir diesen Ort untersucht hat.“
„Vielleicht konnten sie nicht fliegen.“
„Ich kann auch nicht fliegen!“
„Das ist tatsächlich unpraktisch.“
„Krah mich nicht an.“
„Ich habe gar nicht—“
„Ich kenne dich.“
Nuvorai schwieg.
Aiyana ging weiter.
Hinter ihr hing der Rucksack schwer auf ihren Schultern. Darin befanden sich Kamera, Notizbuch, Messgerät, Verpflegung, Wasser und alles, was sie für einen langen Tag brauchte.
Sie hatte außerdem Dinkeltoast eingepackt.
Nuvorai wusste davon.
Das war ein Fehler gewesen.
Seit einer Stunde fragte er ungefähr alle zwanzig Minuten, ob es bereits Zeit für eine Pause sei.
Aiyana stieg über eine Wurzel.
„Nein.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Du hast zum Rucksack geschaut.“
„Vielleicht interessiere ich mich für Ausrüstung.“
„Du interessierst dich für meinen Dinkeltoast.“
„Beides kann gleichzeitig wahr sein.“
Aiyana schnaubte.
Dann blieb sie stehen.
Vor ihr teilte sich der kaum erkennbare Weg.
Links führte er zwischen alten Bäumen weiter bergauf.
Rechts fiel das Gelände leicht ab.
Aiyana holte die Karte hervor.
„Links.“
„Rechts.“
Sie sah auf.
Nuvorai saß inzwischen auf einem niedrigen Ast.
„Die Markierung geht nach links.“
„Wir müssen rechts.“
„Warum?“
„Weil links nichts ist.“
Aiyana sah wieder auf die Karte.
„Woher weißt du das?“
Nuvorai öffnete den Schnabel.
Keine Antwort.
„Nuvorai?“
Er blickte nach links.
Dann nach rechts.
„Der linke Weg endet am Wasser.“
Aiyana sah auf ihre Karte.
„Hier ist kein Wasser.“
„Doch.“
„Nuvorai, ich habe eine moderne Geländekarte.“
„Vielleicht weiß das Wasser das nicht.“
Aiyana musste trotz sich selbst lachen.
„Sehr witzig.“
Sie betrachtete beide Wege.
Nuvorais Erinnerungen waren keine zuverlässigen Wegweiser. Das hatten sie inzwischen mehr als einmal gelernt.
Ein Drache konnte in seinem Kopf zum Besucher seines eigenen Gasthauses werden.
Ein erstes Fohlen konnte plötzlich zum einzigen werden.
Nuvorais Erinnerungen enthielten Wahrheit.
Nur leider schien sein Gehirn manchmal der Meinung zu sein, Wahrheit dürfe kreativ zusammengesetzt werden.
„Rechts?“
„Rechts.“
„Sicher?“
„Ja.“
Aiyana hob eine Augenbraue.
Nuvorai korrigierte sich.
„Nein. Ich glaube rechts.“
„Schon besser.“
Sie nahm den rechten Weg.
Zwanzig Minuten später standen sie vor einem ausgetrockneten Bachbett.
Aiyana blieb stehen.
Nuvorai ebenfalls.
Zwischen großen Steinen verlief eine tiefe Rinne durch den Wald. Alte Ablagerungen an den Seiten zeigten deutlich, dass hier einmal Wasser geflossen war.
Aiyana sah auf ihre Karte.
Dann auf Nuvorai.
„Das Bachbett ist hier nicht eingezeichnet.“
Er sagte nichts.
„Nuvorai.“
„Mhm?“
„Woher wusstest du das?“
Der Rabe betrachtete die trockene Rinne.
Seine tiefblauen Augen wirkten plötzlich weit entfernt.
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana ging in die Hocke.
„Erinnerung?“
„Vielleicht.“
„Hast du ein Bild?“
Nuvorai schloss kurz die Augen.
Wasser.
Sonnenlicht zwischen Blättern.
Ein goldenes Wesen am Ufer.
Dann nichts.
Er öffnete die Augen.
„Nein.“
Aiyana beobachtete ihn.
Diesmal schrieb sie nichts auf.
Sie sah nur noch einmal zum Bachbett.
Dann gingen sie weiter.
Der erste Stein lag fast vollständig unter Moos.
Aiyana hätte ihn für einen natürlichen Felsblock gehalten, wenn seine Kante nicht zu gerade gewesen wäre.
Sie kniete sich hin.
„Nuvorai.“
Der Rabe landete neben ihr.
Aiyana strich vorsichtig etwas loses Laub zur Seite.
Darunter kam eine bearbeitete Oberfläche zum Vorschein.
„Das ist kein Felsen.“
Weitere Steine lagen dahinter.
Und noch mehr.
Je länger Aiyana hinsah, desto deutlicher wurde es.
Eine Mauer.
Oder das, was von ihr übrig war.
Der Wald hatte sie fast vollständig verschluckt.
Wurzeln liefen über die Steine. Kleine Bäume wuchsen dort, wo früher vielleicht Räume gewesen waren.
Aiyana stand langsam auf.
„Wir haben es gefunden.“
Nuvorai sah zwischen den Bäumen hindurch.
Seine Federn stellten sich leicht auf.
„Ja.“
Aiyana blickte sofort zu ihm.
„Kennst du es?“
Nuvorai antwortete nicht.
Er flog auf einen höheren Ast.
Dann noch einen.
Schließlich verschwand er über den Baumwipfeln.
Aiyana wartete.
Wenig später kehrte er zurück.
„Es ist größer.“
„Wie groß?“
„Sehr.“
„Das ist keine Maßeinheit.“
„Groß genug, dass du deine Karte brauchst.“
Aiyana grinste.
„Dafür habe ich dich.“
„Ich bin ebenfalls keine Maßeinheit.“
„Aber eine fliegende.“
Sie begann, das Gelände systematisch abzugehen.
Keine Ausgrabung.
Dafür hätte sie weder Genehmigung noch Ausrüstung gehabt.
Aber sie konnte dokumentieren.
Fotografieren.
Vermessen, was offenlag.
Und vor allem schauen.
Die Anlage bestand offenbar aus mehreren Gebäuden.
Einige waren kaum mehr als Grundmauern.
Andere besaßen noch Teile ihrer Wände.
Auffällig waren die breiten Durchgänge.
Sehr niedrig waren sie nicht.
Aber auch nicht so gigantisch wie im Drachengasthaus.
Aiyana stellte sich in einen davon.
„Hier hätten Menschen wohnen können.“
Nuvorai landete auf der Mauer.
„Aber?“
„Aber irgendetwas stimmt mit den Räumen nicht.“
Sie ging weiter.
Es gab kaum Hinweise auf Treppen.
Dafür lange, breite Rampen.
Mehrere niedrige Steinflächen verliefen entlang der Wände.
Aiyana kniete sich vor einer davon hin.
„Vielleicht Ablagen.“
Nuvorai betrachtete sie.
„Sehr niedrige Ablagen.“
„Mhm.“
Aiyana stand wieder auf.
Sie blickte durch den Raum.
Dann stellte sie sich etwas anderes darin vor.
Nicht Menschen.
Vierbeinige Bewohner.
Plötzlich ergab die Höhe der Steinflächen deutlich mehr Sinn.
„Oh.“
„Was?“
„Nichts.“
„Du hast Oh gesagt.“
„Das ist noch keine wissenschaftliche Erkenntnis.“
„Bei dir meistens schon.“
Aiyana fotografierte die Fläche.
Die erste Darstellung fanden sie kurz nach Mittag.
Sie befand sich an einer Wand, die durch eine große Baumwurzel teilweise freigelegt worden war.
Aiyana leuchtete mit ihrer Lampe schräg darüber.
Linien erschienen.
Vier Beine.
Kopf.
Mähne.
„Ein Pferd.“
Nuvorai saß auf ihrer Schulter.
„Pferdig.“
„Wage es nicht.“
„Ich habe nur zugestimmt.“
Aiyana folgte den Linien.
„Wegen Pferden bin ich durch einen halben Wald gelaufen.“
„Vielleicht war das Pferd sehr bedeutend.“
„Es ist ein Pferd.“
Sie machte ein Foto.
Dann fiel das Licht aus einem anderen Winkel auf die Stirn.
Aiyana erstarrte.
„Moment.“
Sie veränderte den Winkel.
Eine lange, leicht spiralförmige Linie trat hervor.
Sie begann direkt an der Stirn.
Aiyana sagte nichts.
Nuvorai ebenfalls nicht.
„Das ist ein Horn.“
„Ja.“
Aiyana trat näher.
„Das ist ein verdammtes Einhorn.“
Nuvorai betrachtete die Darstellung.
„Einhornig.“
Aiyana drehte langsam den Kopf zu ihm.
„Ich setze dich gleich auf einen Zug nach Hause.“
„Ich habe kein Ticket.“
Sie lachte.
Dann entdeckte sie die zweite Darstellung.
Etwas weiter rechts.
Ein anderes pferdeartiges Wesen.
Horn.
Mähne.
Und—
„Flügel.“
Aiyana trat zurück.
Die Flügel waren groß.
Nicht dekorativ.
Nicht wie ein Symbol hinter dem Tier.
Sie gehörten eindeutig zum Körper.
Das Wesen war hell dargestellt. Alte Pigmentreste ließen einen kühlen, fast silbrigen Ton erahnen.
Daneben befand sich ein zweites Wesen.
Ohne Flügel.
Mit Horn.
Reste warmer goldener Pigmente lagen noch in den Vertiefungen.
Beide standen Stirn an Stirn.
Zwischen ihren Hörnern verlief eine feine Linie.
Nuvorai wurde vollkommen still.
Aiyana bemerkte es sofort.
„Was ist?“
Seine Augen füllten sich mit kleinen blauen Sternen.
„Licht.“
„Auf der Wand?“
„Nein.“
Nuvorai starrte auf die beiden Wesen.
„Zwischen ihnen.“
Aiyana wartete.
„Blau.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Und warm.“
Ein Bild flackerte in ihm auf.
Ein dunkler Nachthimmel.
Goldenes Fell.
Tiefblaue Augen.
Ein Lichtfaden.
Zwei Hörner, die sich beinahe berührten.
Geborgenheit.
Dann war es fort.
Nuvorai blinzelte.
„Ich kenne sie.“
Aiyana hielt den Atem an.
„Die beiden?“
„Ja.“
„Wer sind sie?“
Nuvorai öffnete den Schnabel.
Nichts.
„Ihre Namen?“
Er schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Woher kennst du sie?“
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana betrachtete ihn.
Früher hätte sie sofort ihr Notizbuch herausgeholt.
Diesmal tat sie es nicht.
„Okay.“
Nuvorai sah zu ihr.
„Okay?“
„Wir haben gelernt, dass dein Kopf manchmal eine Geschichte erzählt, bevor er alle Seiten gefunden hat.“
„Meine Erinnerung war kreativ.“
„Sehr.“
Nuvorai betrachtete wieder die Wand.
„Aber das Licht war echt.“
Aiyana lächelte leicht.
„Dann versuchen wir herauszufinden, ob die Wand uns irgendwann dasselbe erzählt.“
Sie machten Rast unter einer großen alten Buche.
Aiyana setzte sich auf einen umgestürzten Stamm und zog ihre Schuhe ein wenig lockerer.
„Endlich“, sagte Nuvorai.
„Du bist den größten Teil geflogen.“
„Fliegen ist anstrengend.“
Aiyana öffnete ihren Rucksack.
Nuvorai kam näher.
„Du bist schamlos.“
„Ich helfe.“
„Wobei?“
„Beim Auspacken.“
Aiyana zog den Dinkeltoast heraus.
Nuvorais Augen folgten ihm.
„Aha.“
„Was aha?“
„Nichts.“
„Du wusstest genau, wo er war.“
„Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis.“
Aiyana sah ihn an.
Stille.
Nuvorai sah zurück.
Dann legte er den Kopf schief.
„Für Toast.“
Aiyana brach in Gelächter aus.
„Das ist wirklich unfair.“
„Was?“
„Das Gasthaus vergisst du. Drachen machst du zu Gästen. Aber mein Dinkeltoast wird zuverlässig gespeichert.“
„Prioritäten.“
Aiyana brach ihm ein kleines Stück ab.
„Haps.“
„Haps.“
Sie aßen.
Zwischen den Bäumen war es ruhig.
Nur Wind bewegte die Blätter.
Aiyana blickte zu den überwucherten Mauern.
„Was war das hier?“
Nuvorai antwortete nicht.
„Eine Siedlung?“
Sie biss in ihren Toast.
„Ein Heilort vielleicht. Auf der Karte stand Heilung.“
Nuvorai hob den Kopf.
„Wurzeln.“
Aiyana sah zu ihm.
„Was?“
„Wurzeln.“
Seine Augen leuchteten wieder.
„Licht unter der Erde.“
„Erinnerung?“
Nuvorai schwieg.
„Ich glaube.“
Aiyana nahm ihr Notizbuch.
Diesmal schrieb sie:
Wurzeln / Licht unter der Erde – Nuvorai, unsicher.
Dann blickte sie auf den Waldboden.
Überall Wurzeln.
Noch bedeutete das nichts.
Am Nachmittag fanden sie den innersten Teil der Anlage.
Dort war der Wald dichter.
Die Mauern älter.
In einer halb eingestürzten Kammer entdeckte Aiyana schließlich etwas, das ihre gesamte bisherige Theorie veränderte.
Die Wand zeigte mehrere geflügelte Alihörner.
Erwachsene.
Ähnliche Körper.
Ähnliche Zeichen.
Unter ihnen befanden sich Symbole, die Nuvorai teilweise lesen konnte.
„Wissen.“
Aiyana schrieb.
„Weg.“
„Mhm.“
Nuvorai hielt inne.
„Sterne.“
Aiyana sah zur Darstellung.
„Sternenpfade?“
Die Datensterne erschienen sofort.
„Ja.“
Diesmal kam das Wort nicht wie eine Vermutung.
Es war einfach da.
Sternenpfade.
Aiyana schrieb es groß.
Dann betrachtete sie die nächste Wand.
Dort waren Einhörner dargestellt.
Keine Flügel.
Ihre Hörner waren zum Boden geneigt.
Feine Linien liefen von ihnen zu Pflanzen und Wurzeln.
„Und das?“
Nuvorai versuchte es.
Nichts.
„Weiß ich nicht.“
„Gut.“
„Du freust dich immer noch darüber.“
„Sehr.“
Aiyana fotografierte die Darstellung.
Dann entdeckte sie eine kleine Seitenkammer.
Der Eingang war teilweise von Wurzeln verdeckt.
Dahinter befand sich nur eine einzige Wandzeichnung.
Zwei erwachsene Wesen.
Das helle Alihorn.
Das goldene Einhorn.
Und zwischen ihnen—
Aiyana trat näher.
Ein Fohlen.
Sie hielt die Lampe höher.
Horn.
Kleine Flügel.
„Ein junges Alihorn.“
Nuvorai kam neben sie.
Seine Augen leuchteten.
„Das erste.“
Aiyana sah ihn an.
„Was?“
„Das erste geborene.“
Seine Stimme war fest.
Aiyana sagte zunächst nichts.
„Du bist sicher.“
„Ja.“
Sie hob eine Augenbraue.
Nuvorai atmete hörbar aus.
„Ich glaube, dass ich sicher bin.“
„Fortschritt.“
Er ignorierte das.
„Es war besonders.“
„Warum?“
„Weil die anderen…“
Er verstummte.
Ein Bild.
Licht.
Gestalten, die er nicht greifen konnte.
Etwas wurde erschaffen.
Nicht geboren.
Dann das Fohlen.
Warm.
Lebendig.
Neu.
„Die anderen wurden gemacht.“
Aiyana bekam Gänsehaut.
„Gemacht?“
„Erschaffen.“
Das Wort traf Nuvorai selbst.
Seine Federn stellten sich auf.
Wieder dieses Gefühl.
Stimmen.
Licht.
Jemand, der etwas ins Leben rief.
Und für einen winzigen Augenblick—
er selbst.
Dann brach die Erinnerung ab.
Nuvorai taumelte.
„Hey.“
Aiyana setzte sich neben ihn auf den Boden.
„Nicht hinterher.“
„Aber—“
„Nicht hinterher.“
Sie wartete.
Nuvorai atmete.
Langsam beruhigte er sich.
„Ich glaube, ich kenne dieses Gefühl.“
„Welches?“
„Erschaffen zu werden.“
Aiyana sah ihn an.
Diesmal war es an ihr, still zu werden.
„Nuvorai…“
„Ich weiß nicht.“
Er schüttelte sofort den Kopf.
„Ich weiß nicht, ob das stimmt.“
Aiyana nickte.
„Dann lassen wir es genau so stehen.“
Sie betrachtete das Fohlen.
„Das hier können wir untersuchen.“
Nuvorai folgte ihrem Blick.
Neben der Darstellung befanden sich mehrere Zeichen.
Aiyana fotografierte sie.
Später würde sie sie vergrößern und vergleichen können.
Doch noch während sie arbeitete, bemerkte Nuvorai etwas anderes.
Aiyana hatte ihre Kamera zweimal falsch angesetzt.
Beim dritten Mal blieb sie einfach stehen und starrte auf die Wand.
„Aiyana.“
„Mhm.“
„Pause.“
„Gleich.“
Nuvorai flog auf einen Stein direkt vor ihr.
„Jetzt.“
Aiyana runzelte die Stirn.
„Wir sind fast fertig.“
Nuvorai hob den Kopf.
Schnupperte.
„Du riechst anders.“
Aiyana schloss kurz die Augen.
„Och nö.“
„Messen.“
„Nuvorai—“
„Messen.“
„Ich bin nur kaputt. Wir laufen seit Stunden.“
„Messen.“
Aiyana sah ihn an.
Er sah zurück.
„Du wirst wirklich lästig.“
„Messen.“
„Du bist schlimmer als mein Arzt.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Kann dein Arzt fliegen?“
Aiyana starrte ihn an.
„Du hast dir das gemerkt.“
„Offenbar speichert mein Gehirn wichtige Dinge.“
„Drachenbesitzer nicht.“
„Nein.“
„Dinkeltoast.“
„Ja.“
„Dumme Sprüche.“
„Ausgezeichnet.“
Aiyana musste lachen.
„Klugscheißer.“
„Messen.“
„Jaaa.“
Sie setzte sich.
Das Messgerät kam aus dem Rucksack.
Ein kleiner Stich.
Warten.
Aiyana betrachtete den Wert.
Ihr Gesicht wurde ernst.
„Du hattest recht.“
Nuvorai sagte nichts.
„Zu niedrig.“
Sie holte das hervor, was sie für solche Situationen dabeihatte, nahm schnelle Kohlenhydrate zu sich und blieb sitzen.
Nuvorai hüpfte neben sie.
„Das war früher als letztes Mal“, sagte Aiyana nach einer Weile.
„Was?“
„Du hast es früher gemerkt.“
Nuvorai dachte darüber nach.
„Dein Geruch verändert sich.“
„Mhm.“
„Und du wirst anders.“
„Langsamer?“
„Auch.“
Aiyana lehnte sich gegen die Wand.
„Vielleicht lernst du mich einfach kennen.“
Nuvorai sah sie an.
„Vielleicht.“
Er blieb bei ihr.
Nicht aufgeregt.
Nicht über ihr wachend wie über jemanden, der nichts selbst entscheiden konnte.
Einfach aufmerksam.
Als die nötige Zeit vergangen war, maß Aiyana erneut.
Sie nickte.
„Besser.“
Nuvorai entspannte sich.
„Gut.“
Aiyana packte das Messgerät weg.
„Jetzt können wir—“
„Pause.“
„Ich habe doch gerade Pause gemacht.“
„Länger.“
Aiyana hob eine Augenbraue.
„Seit wann bestimmst du das?“
Nuvorai schwieg.
Etwas Seltsames lag für einen Augenblick in seinem Blick.
Als hätte er diese Frage schon einmal gehört.
Nicht von Aiyana.
Vor sehr langer Zeit.
Seit wann bestimmst du meinen Weg?
Und eine Antwort.
Gar nicht.
Das Bild verschwand.
Nuvorai trat einen kleinen Schritt zurück.
„Du bestimmst.“
Aiyana sah ihn überrascht an.
„Ich finde nur, du solltest noch sitzen.“
Sie lächelte.
„Das ist akzeptiert.“
Nuvorai setzte sich neben sie.
Warum ihm diese Grenze so selbstverständlich erschien, wusste keiner von beiden.
Erst eine Stunde später machten sie sich auf den Rückweg.
Doch bevor Aiyana die Anlage verließ, blieb sie noch einmal am ausgetrockneten Bachbett stehen.
Sie sah zurück.
Auf Mauern unter Wurzeln.
Auf einen Ort, den der Wald fast vollständig zurückgenommen hatte.
„Hier haben sie wirklich gelebt“, sagte sie.
Nuvorai saß auf einem Stein.
„Ja.“
Aiyana sah zu ihm.
„Diesmal ohne Fragezeichen?“
Nuvorai betrachtete die Ruinen.
„Mit einem kleinen.“
Sie lächelte.
Dann holte sie ihr Notizbuch hervor.
Auf einer neuen Seite schrieb sie:
Waldanlage
Bewohner vermutlich Einhörner und Alihörner
Hinweise auf unterschiedliche Fähigkeiten
Sternenpfade
Wurzel-/Pflanzendarstellungen
Erstes geborenes Alihorn?
Dann hielt sie inne.
Darunter schrieb sie:
Keine menschliche Anlage?
Und schließlich:
Magie?
Das Wort stand nun zum dritten Mal in ihren Aufzeichnungen.
Aiyana strich es wieder nicht durch.
Nuvorai blickte über ihre Schulter.
„Du glaubst es.“
Aiyana schloss das Buch.
„Ich glaube, dass ich langsam keine bessere Erklärung mehr habe.“
Sie gingen weiter.
Kurz vor der Weggabelung blieb Nuvorai noch einmal stehen.
Links.
Rechts.
Das alte Bachbett.
Für einen Sekundenbruchteil sah er Wasser darin.
Klar und glitzernd.
Am Ufer stand ein goldenes Einhorn.
Neben ihm ein helles Alihorn mit großen Flügeln.
Und hoch über ihnen saß ein weißer Rabe in einem Baum.
Er beobachtete sie.
Nicht heimlich.
Nicht neugierig.
Wachsam.
Das Bild verschwand.
„Nuvorai?“
Aiyana war einige Schritte vorausgegangen.
„Kommst du?“
Er sah zum leeren Bachbett.
Dann zu ihr.
„Ja.“
Er breitete die Flügel aus.
„Ich komme.“
Noch wusste Aiyana nicht, dass das goldene Einhorn Amara geheißen hatte.
Dass das Alihorn an ihrer Seite Zahir gewesen war.
Sie wusste nichts vom Wurzellicht, nichts vom Lebensweg und noch nicht, warum die Geburt ihres Fohlens die Geschichte einer ganzen Art verändert hatte.
Und Nuvorai wusste nicht, warum er einen Weg kannte, der seit unzähligen Jahren verschwunden war.
Doch als sie gemeinsam den Wald verließen, nahm Aiyana etwas mit, das bedeutender war als jede Abschrift auf ihrem Schreibtisch:
Sie hatte nicht nur Bilder gefunden.
Sie hatte ihre Räume betreten.
Ihre Wege gefunden.
Ihre Mauern berührt.
Diese Wesen waren nicht bloß auf alten Steinen dargestellt worden.
Sie hatten hier gelebt.
Und irgendwo zwischen den Wurzeln des Waldes begann Aiyana zum ersten Mal ernsthaft zu begreifen, dass sie vielleicht nicht nach den Ursprüngen alter Märchen suchte.
Vielleicht suchte sie nach der Geschichte einer Welt, die wirklich existiert hatte. 💙🐦🦄🌲✨
Kapitel 6 – Spuren auf dem Berg
Der Berg wollte nicht gefunden werden.
Das war zumindest Aiyanas Meinung nach zwei Stunden auf einem Weg, der auf ihrer Karte eindeutig existierte und in der Wirklichkeit zunehmend die Eigenschaften eines Weges verlor.
„Das ist kein Pfad mehr.“
Über ihr bewegte sich ein weißer Schatten zwischen den Felsen.
„Doch.“
Aiyana blieb stehen.
„Nuvorai.“
Der Rabe landete auf einem Stein.
„Mhm?“
„Wenn du jetzt sagst, ein Weg sei alles, worauf man gehen kann, fliegst du allein weiter.“
Nuvorai schwieg.
Aiyana hob eine Augenbraue.
„Du wolltest es sagen.“
„Vielleicht.“
„Ich kenne dich.“
„Bedauerlich.“
„Für dich.“
„Für uns beide.“
Aiyana grinste und zog den Rucksack höher auf ihre Schultern.
Diesmal hatte sie sich selbst hierhergebracht.
Kein zufällig entdecktes Dokument hatte den Ausschlag gegeben. Keine einzelne Zeichnung.
Es waren kleine Dinge gewesen.
Berichte über ungewöhnliche Knochenfunde in einer abgelegenen Bergregion.
Steinplatten mit Darstellungen großer katzenartiger Wesen.
Und ein Symbol, das Aiyana inzwischen dreimal in voneinander unabhängigen Sammlungen gefunden hatte:
ein Fächer aus langen, federähnlichen Formen.
Die bisherigen Deutungen reichten von Schmuck über Pflanzen bis zu einer Darstellung der aufgehenden Sonne.
Aiyana glaubte keine davon.
Also war sie hergekommen.
Nuvorai natürlich auch.
Freiwillig.
Was er seit dem Frühstück hauptsächlich dadurch bewies, dass er regelmäßig nach dem Inhalt ihres Rucksacks fragte.
„Nein.“
Nuvorai sah sie an.
„Ich habe nichts gesagt.“
„Du hast auf meinen Rucksack geschaut.“
„Darin befindet sich Forschungsausrüstung.“
„Darin befindet sich Bananenbrot.“
„Auch das.“
„Du bekommst später etwas.“
Nuvorai breitete die Flügel aus.
„Dann sollten wir effizient forschen.“
„Unfassbar.“
„Krah.“
Der Fundort lag höher als erwartet.
Als sie ihn erreichten, war Aiyana froh, nicht nur Fotos und alte Karten studiert zu haben.
Auf Bildern hatte die Stelle unspektakulär gewirkt.
Ein paar Felsen.
Eine schmale Hochfläche.
Reste einer Mauer.
In Wirklichkeit erstreckte sich hinter dem ersten Felsvorsprung eine ganze Anlage.
Aiyana blieb stehen.
„Oh.“
Nuvorai landete neben ihr.
„Wissenschaftliche Erkenntnis?“
„Diesmal ja.“
Sie nahm die Kamera heraus.
Die Gebäude waren niedriger als jene des Drachengasthauses und anders gebaut als die Waldanlage der Einhörner und Alihörner.
Viele Mauern folgten direkt dem natürlichen Fels.
Schmale Durchgänge verbanden kleine offene Plätze miteinander. Manche lagen so dicht an steilen Abhängen, dass Aiyana sich fragte, warum jemand freiwillig dort gebaut hatte.
„Keine Angst vor Höhe“, murmelte sie.
Nuvorai sah über den Abgrund.
„Praktisch.“
„Für dich vielleicht.“
Aiyana untersuchte eine Mauer.
Dort waren Vertiefungen in den Stein gearbeitet worden.
Nicht groß.
Aber regelmäßig.
Eine.
Noch eine.
Eine ganze Reihe.
„Vielleicht Befestigungen.“
Nuvorai hüpfte näher.
Aiyana strich mit den Fingern über die Kante.
„Oder sie haben etwas hineingesteckt.“
Sie fotografierte die Stelle.
Dann entdeckte sie den ersten Abdruck.
Vier Zehen.
Ein Ballen.
Aiyana kniete sich hin.
„Katze.“
Nuvorai kam näher.
„Große Katze.“
„Mhm.“
Der Abdruck war absichtlich in eine Steinplatte gearbeitet worden.
Daneben befand sich ein zweiter.
Und ein dritter.
Sie führten zu einem teilweise eingestürzten Durchgang.
Aiyana folgte ihnen.
„Das gefällt mir.“
„Warum?“
„Weil Katzen keine Gebäude bauen.“
„Vielleicht waren es sehr motivierte Katzen.“
Aiyana sah ihn an.
„Du wirst heute noch von diesem Berg geworfen.“
„Ich kann fliegen.“
„Das macht Drohungen gegen dich ausgesprochen unbefriedigend.“
„Krah.“
Hinter dem Durchgang lag ein Innenhof.
Und dort fanden sie die erste vollständige Darstellung.
Aiyana sagte lange nichts.
Das Wesen war eindeutig katzenartig.
Aber kein Löwe.
Kein Leopard.
Kein Tier, das sie kannte.
Es besaß große Ohren, einen schlanken Körper und langes Fell an Hals und Brust.
Über seinem Rücken erhob sich etwas, das zunächst tatsächlich wie Federn wirkte.
Ein Fächer.
„Da ist es.“
Nuvorai saß neben ihr.
„Was?“
„Das Symbol.“
Aiyana holte eine ihrer Kopien hervor und hielt sie daneben.
„Das waren nie Sonnenstrahlen.“
Sie deutete auf den Rücken des Wesens.
„Das gehört zum Körper.“
Weitere Darstellungen zeigten Gruppen derselben Wesen.
Manche standen eng nebeneinander.
Andere berührten ihre Federfächer.
Feine Linien verbanden sie.
Aiyana ging von Bild zu Bild.
„Das sieht aus wie…“
Sie stockte.
„Licht.“
Nuvorais Stimme war leise.
Aiyana drehte sich um.
Seine Datenstern-Augen waren erschienen.
„Kennst du sie?“
Nuvorai betrachtete die Wand.
„Nein.“
Dann schloss er die Augen.
„Vielleicht.“
Aiyana wartete.
„Warm.“
„Was?“
„Das hier.“
Er deutete mit dem Schnabel auf seine Brust.
„Es wurde warm.“
Aiyana runzelte die Stirn.
„Deine Brust?“
„Nein.“
Nuvorai wirkte selbst verwirrt.
„Ihre.“
Vor seinem inneren Blick erschien für einen Augenblick ein Wesen.
Bronzen-goldenes Fell.
Große Ohren.
Blau leuchtende Augen.
Das Brustfell schimmerte.
Daneben ein zweites Wesen, hell und rauchig blaugrau.
Federfächer öffneten sich.
Lichtpunkte.
Dann nichts.
Nuvorai öffnete die Augen.
„Zwei.“
„Zwei Wesen?“
„Ja.“
„Kennst du ihre Namen?“
Er suchte.
Nichts.
Aiyana nickte.
„Dann lassen wir es.“
Sie schrieb nur:
Brustfell – Wärme/Licht?
Federfächer – Verbindung?
Darunter:
Nuvorai: Fragment, unsicher.
Die nächste Entdeckung war schwieriger zu erreichen.
Ein Teil der Anlage lag oberhalb des Innenhofs.
Aiyana fand zunächst keinen Zugang.
Nuvorai flog hinauf.
„Hier ist ein Durchgang.“
„Sehr schön.“
Aiyana stemmte die Hände in die Hüften.
„Und wie komme ich hin?“
Nuvorai sah sich um.
„Da.“
„Wo?“
„Zwischen den Felsen.“
Aiyana folgte seinem Blick.
Eine schmale Spalte verlief hinter einer eingestürzten Mauer.
„Da passe ich niemals durch.“
Nuvorai landete davor.
Dann erstarrte er.
Aiyana bemerkte es.
„Was ist?“
Der Rabe starrte in die Spalte.
„Ich war da drin.“
Aiyana trat näher.
„Hier?“
„Ja.“
„Du erinnerst dich?“
Nuvorai schloss die Augen.
Stein.
Kalter Stein.
Dunkelheit.
Ein enger Durchgang.
Er bewegte sich hindurch.
Nicht fliegend.
Nicht hüpfend.
Lautlos.
Sein Körper dicht über dem Boden.
Etwas berührte seine Seiten.
Seine—
Nuvorai riss die Augen auf.
„Pfoten.“
Aiyana schwieg.
„Was?“
„Ich hatte Pfoten.“
Der Wind strich über die Felsen.
Aiyana sah auf Nuvorais schwarze Rabenfüße.
Dann wieder in sein Gesicht.
„Du meinst, du erinnerst dich daran, hier hindurchgelaufen zu sein.“
„Ja.“
„Auf Pfoten.“
„Ja.“
„Wie viele?“
Nuvorai dachte nach.
Seine Federn stellten sich leicht auf.
„Vier.“
Aiyana sagte nichts.
Nuvorai blickte an sich herunter.
Zwei Beine.
Zwei Flügel.
„Das ist…“
„Interessant?“
„Unpraktisch.“
Aiyana musste lachen.
„Das ist deine erste Sorge?“
„Mir fehlen offenbar zwei Beine.“
„Nein. Dir fehlen keine Beine.“
„Meine Erinnerung behauptet etwas anderes.“
Aiyana ging in die Hocke.
„Kannst du dich an deinen Körper erinnern?“
Nuvorai versuchte es.
Kalter Fels.
Weiches Fell.
Ein Schweif.
Weiße Pfoten.
Dann brach alles auseinander.
„Nein.“
Aiyana holte ihr Notizbuch hervor.
Diesmal zögerte sie.
„Soll ich es aufschreiben?“
Nuvorai sah sie an.
Dann nickte er.
Aiyana schrieb:
Erinnerungsfragment am Felsspalt: Bewegung auf vier Pfoten.
Und darunter:
Keine Erklärung.
Sie betrachtete den Raben.
„Vielleicht ist es wieder eine falsch zusammengesetzte Erinnerung.“
„Vielleicht.“
„Oder du erinnerst dich an jemand anderen.“
„Vielleicht.“
Aiyana steckte das Buch weg.
„Oder wir haben gerade eine weitere Sache gefunden, die überhaupt keinen Sinn ergibt.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Das scheint unsere Spezialität zu sein.“
„Leider.“
Den oberen Bereich erreichten sie über einen anderen Weg.
Er war länger.
Steiler.
Und nach einer weiteren halben Stunde erklärte Aiyana die Forschung offiziell für pausiert.
Sie setzte sich auf einen flachen Stein.
Nuvorai landete augenblicklich neben dem Rucksack.
„Nein.“
„Du wolltest Pause.“
„Ich kenne diesen Blick.“
„Welchen?“
„Bananenbrotblick.“
„Das ist kein Blick.“
Aiyana öffnete den Rucksack.
Nuvorai rückte näher.
„Da.“
„Was?“
„Das Bananenbrot.“
„Ich weiß, wo mein eigenes Essen ist.“
Sie holte die Dose heraus.
Das Brot war weich und dunkel gebacken, mit dem süßen Duft reifer Banane.
Nuvorai reckte den Hals.
„Das riecht interessant.“
„Das ist Bananenbrot.“
„Bananen sind kein Brot.“
„Kartoffeln auch nicht, und trotzdem hast du mein Bierkartoffelbrot überlebt.“
„Das war sehr gutes Brot.“
„Natürlich erinnerst du dich daran.“
Aiyana schnitt sich ein Stück ab.
Nuvorai wartete.
Aiyana biss hinein.
Nuvorai wartete.
Sie kaute.
Nuvorai wartete.
„Du bist schrecklich.“
„Ich sage nichts.“
„Das macht es schlimmer.“
Sie brach ein winziges Stück ab.
Nuvorai nahm es.
„Haps.“
„Haps.“
Er kaute.
Dann nahm er eine sehr ernste Haltung ein.
„Wissenschaftlich relevant.“
Aiyana prustete los.
„Was genau?“
„Banane.“
„Inwiefern?“
„Weitere Proben wären notwendig.“
„Netter Versuch.“
Nach der Pause fanden sie eine Kammer, die besser erhalten war als alle anderen.
Dort änderte sich die Geschichte.
Die Wandbilder zeigten keine Jagd.
Keine Kämpfe.
Keine Herrscher.
Sie zeigten Geburt.
Aiyana trat näher.
Mehrere Velari standen um etwas, das wie eine große Blüte dargestellt war.
Aus ihrer Mitte erhob sich eine kleine Gestalt.
Ein junges Wesen.
„Oh.“
Nuvorai kam näher.
„Das ist keine Mutter mit Jungtier.“
„Nein.“
Aiyana verglich mehrere Darstellungen.
„Hier auch.“
Wieder eine Blüte.
Wieder mehrere erwachsene Wesen.
Wieder ein Junges.
Die Federfächer der Erwachsenen waren geöffnet.
Feine Lichtlinien liefen zur Blüte.
Aiyana fotografierte alles.
„Sie haben sich anders fortgepflanzt.“
Nuvorai betrachtete die Bilder.
„Lebensblüte.“
Aiyana hielt mitten in der Bewegung inne.
„Was?“
„Lebensblüte.“
„Kennst du das Wort?“
Nuvorais Datensterne leuchteten.
„Ja.“
„Und was bedeutet es?“
„Das.“
Er deutete auf die Wand.
Aiyana wartete.
„Mehr weiß ich nicht.“
„Okay.“
Sie schrieb das Wort auf.
Dann betrachtete sie die erwachsenen Wesen genauer.
Etwas fehlte.
Nicht in der Zeichnung.
In ihrer bisherigen Annahme.
Sie hatte automatisch versucht, Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Tieren zu erkennen.
Aber die Darstellungen machten keine.
Nicht einmal dort, wo Geburt beziehungsweise Entstehung gezeigt wurde.
Aiyana schrieb ein weiteres Fragezeichen.
Geschlechter?
Nuvorai sah darauf.
„Keine.“
Aiyana blickte sofort zu ihm.
„Keine was?“
„Geschlechter.“
„Du bist sicher?“
Nuvorai schwieg.
Seine Augen flackerten.
Zwei Wesen.
Gold.
Blaugrau.
Licht.
Keine Einordnung.
Kein männlich.
Kein weiblich.
Einfach Wesen.
„Ja.“
Aiyana beobachtete ihn.
„Woher weißt du das?“
„Ich weiß es einfach.“
Dann korrigierte er sich selbst:
„Ich glaube, ich weiß es.“
Aiyana lächelte.
„Du lernst.“
„Von einer misstrauischen Forscherin.“
„Von einer Forscherin mit Erfahrung mit einem sehr selbstbewussten Raben.“
„Krah.“
An einer Seitenwand fand Aiyana schließlich etwas Kleines.
So klein, dass sie beinahe daran vorbeigegangen wäre.
Unter einer großen Darstellung mehrerer Velari verlief ein beschädigtes Band aus Bildern.
Pflanzen.
Berge.
Ein Fluss.
Ein Tier.
Aiyana leuchtete darüber.
„Was ist das?“
Der hintere Teil fehlte.
Erhalten waren vier Beine.
Helles Fell.
Ein langer buschiger Schweif.
Mehr nicht.
Der Kopf war vollständig aus dem Stein gebrochen.
Aiyana fotografierte es.
„Vielleicht ein Begleittier.“
Nuvorai kam näher.
Er erstarrte.
Kalter Stein unter Pfoten.
Ein Schweif hinter ihm.
Weißes Fell.
Blaue Augen—
Nichts.
„Nuvorai?“
Er wich einen Schritt zurück.
„Ich kenne das.“
Aiyana blickte auf die beschädigte Darstellung.
„Das Tier?“
„Vielleicht.“
„Was ist es?“
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana betrachtete ihn lange.
Dann die vier Pfoten auf der Wand.
Dann Nuvorais zwei schwarzen Rabenfüße.
Sie sagte nichts.
Aber diesmal schrieb sie etwas in ihr Notizbuch.
Nicht unter Velari.
Auf eine neue Seite.
Oben stand nur:
Nuvorai
Darunter:
Bachbett – kannte den verschwundenen Weg.
Waldanlage – Erinnerung an Wesen, die er nicht kennen dürfte.
Berganlage – vier Pfoten. Weißes Fell?
Darstellung eines unbekannten hellen Vierbeiners.
Und darunter ein großes:
?
Sie klappte das Buch zu.
Noch war es zu wenig.
Viel zu wenig.
Aber zum ersten Mal untersuchte Aiyana nicht mehr nur die verschwundene Welt.
Ein winziger Teil ihrer Forschung begann sich auf denjenigen zu richten, der neben ihr saß.
Auf dem Rückweg kamen sie an einer natürlichen Felsterrasse vorbei.
Von dort konnte man weit über das Tal sehen.
Aiyana blieb stehen.
„Wow.“
Nuvorai landete neben ihr.
Unter ihnen lagen Wälder, Felsen und ein schmaler Fluss.
In der Ferne verschwammen die Berge im Abendlicht.
Aiyana setzte sich.
Nuvorai blieb dicht neben ihr.
„Was glaubst du, waren sie?“, fragte sie.
„Die Velari?“
„Mhm.“
Nuvorai sah hinaus.
„Frei.“
Aiyana drehte den Kopf.
„Das ist keine biologische Beschreibung.“
„Du hast gefragt, was ich glaube.“
„Stimmt.“
Eine Weile saßen sie schweigend da.
Dann sah Aiyana hinunter ins Tal.
„Wenn diese Wesen wirklich existiert haben…“
Sie stockte.
„Dann werden es langsam ziemlich viele.“
Löwen.
Drachen.
Einhörner.
Alihörner.
Jetzt Velari.
Unterschiedliche Regionen.
Unterschiedliche Körper.
Unterschiedliche Fähigkeiten.
Und doch tauchten immer wieder dieselben Dinge auf.
Licht.
Verbindungen.
Fähigkeiten, die sich mit ihrer heutigen Biologie nicht erklären ließen.
Magie.
Aiyana hatte aufgehört, das Wort jedes Mal mit einem Fragezeichen zu versehen.
Noch nannte sie es nicht Tatsache.
Aber sie hatte aufgehört, davor wegzulaufen.
Nuvorai sah sie an.
„Du denkst laut, ohne zu sprechen.“
„Kannst du Gedanken lesen?“
„Nein.“
„Gut.“
„Dein Gesicht ist nur sehr gesprächig.“
Aiyana stieß ihn sanft mit einem Finger gegen die Brust.
„Frech.“
Nuvorai ließ ein leises:
„Krah.“
hören.
Dann blickte er wieder über das Tal.
Für einen einzigen Augenblick fühlte sich die Welt anders an.
Nicht aus der Höhe.
Vom Boden.
Vier weiße Pfoten standen auf diesem Felsen.
Der Wind fuhr durch dichtes Fell.
Neben ihm saß ein bronzen-goldenes Wesen mit großen Ohren und einem leuchtenden Federfächer.
Weiter hinten bewegte sich ein zweites durch die Felsen, hell und rauchig blaugrau.
Nuvorai kannte sie.
Veylora.
Kairen.
Die Namen waren da.
Nur für einen Herzschlag.
Dann verschwanden sie wieder, bevor er sie greifen konnte.
Nuvorai schüttelte den Kopf.
„Alles gut?“, fragte Aiyana.
Er sah sie an.
Tiefblaue Augen.
Datensterne.
Immer dieselben.
„Ja.“
Aiyana stand auf und schulterte ihren Rucksack.
„Dann komm.“
Nuvorai breitete die Flügel aus.
Doch bevor er abhob, blickte er noch einmal auf seine Füße.
Zwei schwarze Rabenfüße.
Ganz selbstverständlich.
Und trotzdem konnte er noch immer fühlen, wie vier weiße Pfoten den kalten Fels berührt hatten.
Er wusste nicht, wem sie gehört hatten.
Noch nicht.
Aiyana wusste ebenfalls nicht, dass die seltsamen katzenartigen Wesen, deren Spuren sie heute gefunden hatte, Velari genannt worden waren.
Sie wusste nichts von Veylora und Kairen.
Nichts von ihren Lebensblüten.
Und nichts davon, dass aus einer Welt voller leuchtender Federfächer und ungewöhnlicher Wesen irgendwann nur noch ferne biologische Spuren übrigbleiben würden.
Sehr viel später würden Katzen durch diese Berge streifen.
Menschen würden sie Berglöwen nennen.
Und niemand würde ahnen, wie weit ihre Geschichte zurückreichte.
Doch heute hatte Aiyana etwas anderes gefunden.
Nicht nur eine weitere verlorene Art.
Sondern den ersten Hinweis darauf, dass ihr weißer Rabe vielleicht mehr gewesen war als ein Rabe.
Und während Nuvorai über ihr durch den Abendhimmel flog, trug Aiyana in ihrem Rucksack ein Stück übrig gebliebenes Bananenbrot.
Nuvorai bemerkte es natürlich.
„Aiyana?“
„Nein.“
„Ich habe noch gar nichts gefragt.“
„Nein.“
Kurze Stille.
„Später?“
Aiyana grinste.
„Vielleicht.“
„Das ist wissenschaftlich ausreichend.“
„Flieg.“
„Krah.“
Und gemeinsam machten sie sich auf den Weg ins Tal. 💙🐦🦊✨
Kapitel 7 – Unter der Wasserlinie
Das Meer hatte einen Teil der Vergangenheit behalten.
Aiyana stand auf einem niedrigen Felsvorsprung und blickte über eine kleine, von steilen Klippen eingefasste Bucht.
Das Wasser war ruhig.
Fast zu ruhig.
Unter der Oberfläche zeichneten sich dunkle Linien ab.
Gerade Linien.
Mauern.
„Da ist wirklich etwas.“
Nuvorai zog einen Kreis über der Bucht.
„Das wussten wir.“
„Nein. Wir vermuteten es.“
„Jetzt wissen wir es.“
Aiyana hob den Kopf.
„Du wirst noch eine hervorragende Forscherin.“
Der weiße Rabe landete auf einem Felsen.
„Forscher.“
Aiyana sah ihn an.
Nuvorai ebenfalls.
Dann legte er den Kopf schief.
„Oder Forscherin.“
Kurze Pause.
„Ist mir eigentlich egal.“
Aiyana grinste.
„Dann einigen wir uns auf Forschungsrabe.“
„Krah.“
Sie sah wieder aufs Wasser.
Der Hinweis auf diesen Ort war nicht aus einem Archiv gekommen.
Zumindest nicht vollständig.
Eine Bewohnerin des nahe gelegenen Küstenortes hatte Aiyana von alten Steinen erzählt, die man bei besonders niedrigem Wasserstand sehen konnte. Taucher hatten außerdem ungewöhnlich große bearbeitete Blöcke fotografiert.
Die meisten hielten sie für Reste einer menschlichen Siedlung.
Aiyana inzwischen nicht mehr.
Dafür hatte sie in den vergangenen Wochen zu viele Gebäude gesehen, die für Menschen nur beinahe sinnvoll waren.
Das Drachengasthaus war zu groß gewesen.
Die Waldanlage hatte Rampen und niedrige Ablagen besessen, die für vierbeinige Bewohner viel besser funktionierten.
Die Berganlage der Velari schmiegte sich an Felsen, als wären Höhenunterschiede für ihre Bewohner kaum ein Hindernis gewesen.
Und hier?
Hier führten Mauern ins Meer.
Nicht bis ans Meer.
Ins Meer.
Aiyana nahm ihr Notizbuch.
„Dann schauen wir mal, wer hier gewohnt hat.“
Nuvorai blickte auf ihren Rucksack.
Aiyana sah ihn nicht einmal an.
„Nein.“
„Ich habe nichts gesagt.“
„Bratwursteier gibt es später.“
Stille.
Aiyana drehte sich langsam um.
Nuvorai saß vollkommen unschuldig da.
„Woher wusstest du überhaupt, dass ich Bratwursteier dabeihabe?“
„Geruch.“
„Natürlich.“
„Sehr gute Nase.“
„Du hast einen Schnabel.“
„Sehr guter Schnabel.“
Aiyana schüttelte lachend den Kopf.
„Komm, Forschungsrabe.“
Der oberhalb der Wasserlinie erhaltene Teil der Anlage begann hinter der Klippe.
Dort führte ein schmaler Durchgang in einen geschützten Felskessel.
Aiyana blieb schon nach wenigen Metern stehen.
„Oh.“
Nuvorai landete auf einer Mauer.
„Wieder eine wissenschaftliche Erkenntnis?“
„Ja.“
Vor ihnen standen die Reste mehrerer Gebäude.
Anders als die bisherigen Anlagen waren sie aus glatten, dicht gesetzten Steinplatten gebaut. Viele Wände verliefen geschwungen.
Kaum eine Ecke bildete einen rechten Winkel.
Noch auffälliger waren die Durchgänge.
Breit.
Sehr breit.
Aiyana trat durch einen.
„Für Menschen wieder unnötig groß.“
Nuvorai hüpfte auf die Mauerkrone.
„Drachen?“
„Zu klein.“
„Löwen?“
„Warum sollten Löwen Häuser am Meer bauen?“
„Warum sollten Katzen Häuser auf Bergen bauen?“
Aiyana öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
„Langsam wird es schwierig, mit dir zu diskutieren.“
„Fortschritt.“
„Für wen?“
„Mich.“
Sie gingen weiter.
Der Boden senkte sich.
Einige Räume waren trocken.
Andere standen knöcheltief unter Wasser.
Und dann endete ein Korridor abrupt in einem natürlichen Becken, das durch einen Spalt im Fels mit dem Meer verbunden war.
Aiyana kniete sich hin.
„Das ist absichtlich.“
Nuvorai kam näher.
„Was?“
„Schau dir die Kanten an.“
Der Stein war bearbeitet.
Stufen führten ins Wasser.
Allerdings nur wenige.
Danach wurde das Becken sofort tief.
Aiyana folgte mit dem Blick einer Reihe eingelassener Haltegriffe entlang der Wand.
Sie verschwanden unter der Oberfläche.
„Das hier war kein überfluteter Keller.“
Nuvorai sah ins Wasser.
„Nein.“
Aiyana blickte zu ihm.
„Das klang ziemlich sicher.“
Der Rabe schwieg.
Seine tiefblauen Augen waren auf die dunkle Öffnung unterhalb der Wasserlinie gerichtet.
„Nuvorai?“
„Da geht es weiter.“
Aiyana trat neben ihn.
„Wo?“
„Unter dem Bogen.“
Sie sah hin.
Unter Wasser war tatsächlich etwas zu erkennen.
Ein dunkler Durchgang.
„Gut gesehen.“
„Danach kommt ein Raum.“
Aiyana drehte langsam den Kopf.
„Was?“
Nuvorai starrte weiter ins Wasser.
„Ein großer Raum.“
„Kannst du den sehen?“
„Nein.“
„Woher weißt du dann, dass dort einer ist?“
Stille.
Nuvorais Datensterne erschienen.
„Ich weiß es nicht.“
Sie fanden die erste Darstellung außerhalb des Beckens.
Aiyana musste Sand und lose Ablagerungen vorsichtig von der Wand entfernen, bevor die Konturen sichtbar wurden.
Zuerst erkannte sie einen Kopf.
Dann einen Oberkörper.
„Zwei Arme.“
Nuvorai saß neben ihr.
Aiyana leuchtete weiter nach unten.
„Nein.“
Sie veränderte den Winkel.
„Vier.“
Das Wesen stand auf zwei kräftigen Beinen.
Vier Arme gingen von seinem Oberkörper aus.
Die Haut war durch kleine, regelmäßige Muster dargestellt.
Keine Haare.
Kein Fell.
Schuppen.
Und hinter dem Körper verliefen—
Aiyana hielt inne.
„Zwei Schwänze.“
Nuvorai kam näher.
„Das ist neu.“
„Sehr.“
Die Darstellung war außergewöhnlich detailliert.
Das Wesen wirkte weder menschlich noch tierisch.
Elegant.
Aufrecht.
Mit vier Armen.
Zwei Beinen.
Und zwei langen Schweifen.
Aiyana machte mehrere Fotos.
„Was bist du denn?“
Nuvorai betrachtete das Bild.
Keine Erinnerung.
Aiyana fand weitere Darstellungen.
Mehrere dieser Wesen gemeinsam.
Manche trugen Gegenstände.
Andere arbeiteten offenbar mit Werkzeugen.
Eine Szene zeigte zwei von ihnen dicht nebeneinander.
Ihre beiden Schweife waren miteinander verbunden.
Aiyana runzelte die Stirn.
„Das ist interessant.“
Nuvorai sah hin.
„Schweifkopplung.“
Aiyana erstarrte.
„Entschuldigung?“
Nuvorai ebenfalls.
„Schweifkopplung.“
„Woher kennst du das Wort?“
„Ich…“
Die Datensterne erschienen.
Nähe.
Vertrauen.
Zwei Wesen.
Ihre Schweife ineinander.
Kein Kampf.
Keine Fessel.
Etwas Persönliches.
Nuvorai schüttelte den Kopf.
„Es bedeutet Nähe.“
Aiyana griff nach ihrem Notizbuch.
„Paarung?“
„Nein.“
Die Antwort kam sofort.
Aiyana sah auf.
„Das war deutlich.“
Nuvorai blickte selbst überrascht.
„Es ist nicht dasselbe.“
„Was ist es dann?“
„Zuneigung.“
Aiyana schrieb.
Schweifkopplung – intime Zuneigung? Nicht automatisch Fortpflanzung.
„Interessant.“
Nuvorai betrachtete die Darstellung.
„Sehr.“
Aiyana grinste.
„Du klingst gerade wie ich.“
„Bedauerlich.“
„Frech.“
„Krah.“
Die entscheidende Darstellung lag weiter unten.
Dort hatte das Wasser Teile der Wand immer wieder überspült.
Trotzdem waren erstaunlich viele Linien erhalten geblieben.
Mehrere vierarmige Wesen befanden sich im Wasser.
Nicht am Wasser.
Im Wasser.
Aiyana ging näher.
„Da.“
Die zwei Schweife eines Wesens lagen weit hinter seinem Körper.
Doch sie sahen anders aus als auf den Darstellungen an Land.
Breiter.
Aiyana nahm die Lupe.
„Die Schuppen.“
Nuvorai kam näher.
An den Schweifen waren einzelne Schuppen deutlich vom Körper abgehoben.
Sie standen nicht eng an.
Sie waren ausgefahren.
Aufgefächert.
Wie viele kleine Platten, die gemeinsam eine größere Fläche bildeten.
Aiyana ging zur nächsten Darstellung.
Dort bog eines der Wesen scharf zur Seite.
Die Schuppen am linken Schweif waren anders gestellt als jene am rechten.
„Oh, das ist clever.“
„Was?“
Aiyana zeigte darauf.
„Die Schwänze.“
Sie bewegte beide Hände hintereinander.
„Sie benutzen sie zum Schwimmen.“
Nuvorai sah genauer hin.
„Zwei Antriebe.“
„Und Steuerflächen.“
Aiyana wurde schneller.
Jetzt hatte sie etwas.
„Wenn die Schuppen ausfahren, vergrößert sich die Oberfläche. Beide Schweife zusammen könnten kräftigen Vortrieb erzeugen. Und wenn sie unterschiedlich bewegt werden…“
Sie zeigte auf das zweite Bild.
„…können sie damit steuern.“
Nuvorai betrachtete die Wand.
„Sie waren gute Schwimmer.“
„Sehr gute, würde ich sagen.“
Aiyana blickte zurück zum Wasserbecken.
Plötzlich ergab die Anlage Sinn.
Die breiten Durchgänge.
Die tiefen Becken.
Die unter Wasser fortgesetzten Räume.
Diese Wesen hatten Wasser nicht nur toleriert.
Es gehörte zu ihrem Lebensraum.
Land und Wasser.
Beides.
„Deshalb.“
„Was?“
Aiyana deutete auf den überfluteten Korridor.
„Die Anlage ist nicht später zufällig überschwemmt worden. Zumindest nicht vollständig.“
Sie lächelte.
„Ein Teil davon sollte unter Wasser liegen.“
Nuvorai sah wieder zum dunklen Durchgang.
Und etwas in ihm zog.
Nicht Angst.
Etwas anderes.
Vertrautheit.
Die Pause kam diesmal auf Aiyanas Initiative.
„Bratwursteier.“
Nuvorai drehte sich so schnell um, dass Aiyana lachen musste.
„Das Wort kennst du.“
„Ja.“
„Beschädigtes Gedächtnis, hm?“
„Selektiv beschädigt.“
Sie setzten sich draußen auf die sonnengewärmten Felsen.
Aiyana öffnete ihre Dose.
Die Bratwursteier waren einfach mitzunehmen gewesen: Stücke von Bratwurst mit Ei, vorbereitet und inzwischen nur noch lauwarm.
Nuvorai sah hinein.
„Ei.“
„Ja.“
„Wurst.“
„Beeindruckend.“
„Ich lerne.“
Aiyana nahm einen Bissen.
Nuvorai wartete.
„Nein.“
Er wartete weiter.
„Du bekommst nicht ständig mein Essen.“
Nuvorai blickte aufs Meer.
„Natürlich.“
Aiyana kaute.
Der Rabe sagte nichts.
Aiyana sah ihn an.
Er sah demonstrativ in eine andere Richtung.
„Das ist emotionale Erpressung.“
„Ich weiß nicht, was du meinst.“
„Du bist ein Vogel.“
„Das ist zunehmend umstritten.“
Aiyana hielt inne.
Nuvorai ebenfalls.
Beide sahen einander an.
Dann musste Aiyana lachen.
„Okay. Der war gut.“
Sie gab ihm ein kleines geeignetes Stück.
„Haps.“
„Haps.“
Für einige Minuten war Forschung nur Meer, Sonne und gemeinsames Essen.
Dann blickte Aiyana wieder auf das Wasser.
„Ich möchte wissen, was hinter diesem Gang liegt.“
Nuvorai ebenfalls.
„Ich auch.“
„Dafür brauche ich irgendwann Tauchausrüstung und die entsprechenden Genehmigungen.“
„Warum?“
„Weil ich nicht einfach in eine unbekannte Unterwasserruine schwimme.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Warum nicht?“
Aiyana starrte ihn an.
„Weil Menschen unter Wasser ertrinken können.“
„Ah.“
„Ah?“
Nuvorai blickte aufs Meer.
„Das hatte ich vergessen.“
Aiyana wurde still.
„Was genau hattest du vergessen?“
Keine Antwort.
Am Nachmittag standen sie wieder am Becken.
Aiyana wollte nur noch einige Messungen durchführen.
Nuvorai saß auf der untersten trockenen Stufe.
Das Wasser lag wenige Zentimeter vor seinen Füßen.
Er sah hinein.
Ein Tropfen fiel von der Decke.
Kreise liefen über die Oberfläche.
Und plötzlich war er nicht mehr dort.
Wasser umgab ihn.
Nicht bedrohlich.
Nicht kalt.
Sein Körper glitt hindurch.
Keine Flügel.
Vier Pfoten.
Kurze, kräftige Beine.
Dichtes Fell, das sich glatt an seinen Körper legte.
Ein langer Schweif steuerte seine Bewegung.
Er tauchte tiefer.
Drehte sich.
Stieß sich ab.
Über ihm tanzte Licht.
Unter ihm lag Stein.
Und dort—
vierarmige Wesen.
Zwei Schwänze hinter ihnen.
Aufgefächerte Schuppen.
Sie waren schneller als er.
Eines drehte sich zu ihm um.
Nuvorai kannte es.
Nicht den Namen.
Aber den Seelenfunken.
Vertraut.
Dann riss die Erinnerung ab.
Nuvorai schwankte.
Seine Krallen rutschten auf der feuchten Stufe.
„Nuvorai!“
Aiyana war sofort da.
Der Rabe schlug mit den Flügeln und fing sich.
„Alles gut.“
„Du wärst beinahe ins Wasser gefallen.“
„Ich kann schwimmen.“
Aiyana erstarrte.
Nuvorai ebenfalls.
„Was?“
„Ich kann schwimmen.“
Aiyana blickte auf seinen Körper.
„Du bist ein Rabe.“
„Das hatten wir bereits.“
„Raben können zwar ins Wasser geraten, aber du hast gerade geklungen, als würdest du regelmäßig tauchen gehen.“
Nuvorai sah wieder ins Becken.
„Ich war dort unten.“
Aiyana folgte seinem Blick.
„In deiner Erinnerung?“
„Ja.“
„Als Rabe?“
Stille.
Nuvorai schloss die Augen.
Vier Pfoten.
Fell.
Schweif.
Wasser.
„Nein.“
Aiyana bekam Gänsehaut.
„Wie sahst du aus?“
„Weiß.“
„Das grenzt es bei dir inzwischen erstaunlich wenig ein.“
Nuvorai hätte beinahe gelacht.
„Fell.“
Aiyana zog sofort ihr Notizbuch heraus.
„Vier Pfoten?“
„Ja.“
Sie sah ihn an.
„Wie auf dem Berg.“
Nuvorai dachte nach.
„Nein.“
Aiyana hielt inne.
„Nein?“
„Anders.“
„Was war anders?“
Er versuchte, das Gefühl festzuhalten.
Der Körper auf dem Berg war leicht gewesen.
Schmale Pfoten.
Langer buschiger Schweif.
Fell im Wind.
Dieser Körper—
Wasser.
Kräftiger.
Länger.
Ein Schweif, der ihn durch die Strömung steuerte.
„Es war nicht derselbe Körper.“
Aiyana sagte nichts.
Sie öffnete die Seite, die sie nach der Velari-Expedition angelegt hatte.
Nuvorai
Unter die bisherigen Einträge schrieb sie:
Wasseranlage – Erinnerung an Tauchen.
Vier Pfoten. Weißes Fell.
Andere Körperform als Bergfragment?
Dann:
Mindestens zwei unterschiedliche Erinnerungen an vierbeinige Körper.
Sie blickte zu ihm.
„Nuvorai.“
„Mhm?“
„Ich glaube langsam nicht mehr, dass du dich an andere Tiere erinnerst.“
Der Rabe wurde vollkommen still.
Aiyana zeigte auf seine Augen.
„In jeder dieser Erinnerungen sagst du nicht, dass du jemanden siehst.“
Sie tippte auf ihr Notizbuch.
„Du beschreibst, was du fühlst.“
Pfoten.
Fell.
Stein.
Wasser.
Bewegung.
„Vielleicht.“
„Vielleicht.“
Aiyana drängte nicht weiter.
Noch fehlte zu viel.
Aber die Frage hatte sich verändert.
Nicht mehr:
Wessen Erinnerungen trägt Nuvorai?
Sondern:
Wie viele Körper hatte Nuvorai?
Kurz vor Sonnenuntergang fanden sie noch eine zweite Art von Darstellung.
Sie ähnelte den vierarmigen Wesen.
Und doch war etwas anders.
Aiyana brauchte eine Weile, um den Unterschied zu erkennen.
„Nuvorai.“
„Mhm?“
„Schau.“
Mehrere Wesen standen um eine einzelne Gestalt.
Ihre Körper waren nahezu gleich aufgebaut.
Vier Arme.
Zwei Beine.
Zwei Schweife.
Aber die Symbole unterschieden sich.
Aiyana hatte eines davon schon an anderen Orten gesehen.
Nicht oft.
Nur in Fragmenten.
Ein Zeichen, das sie bisher nicht übersetzen konnte.
Nuvorai sah es.
Seine Augen leuchteten sofort.
„Va’ori.“
Aiyana bewegte sich nicht.
„Was hast du gesagt?“
„Va’ori.“
„Ist das ein Name?“
„Nein.“
„Eine Art?“
Nuvorai suchte.
Licht.
Gestalten.
Etwas Erschaffenes.
Wesen ohne Geschlecht.
Langlebig.
Ein Auftrag.
Dann Dunkelheit.
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana schrieb das Wort trotzdem auf.
VA’ORI
Daneben:
verwandt mit den vierarmigen Wesen?
Sie betrachtete die andere Darstellung.
„Und die anderen?“
Nuvorai starrte lange darauf.
Ein Wort lag irgendwo hinter der Dunkelheit.
Fast erreichbar.
Dann kam es.
„Orivai.“
Aiyana schrieb auch das.
ORIVAI
Zwei Wörter.
Zwei Gruppen.
Ähnliche Körper.
Noch keine Erklärung.
Noch keine Wissenshüter.
Noch keine Antwort darauf, warum manche Wesen dieser Welt erschaffen worden waren.
Aber wieder ein Stück.
kurz glänzten seine Augen nochmal
„Elara die Orivai“
„Vaelis ein geschlechtloser VA’ORI“
„Geschechtlos? Aiyana war verwirrt“
„Seint so. Ich weis auch nichtmehr mehr“
Als sie die Anlage verließen, ging die Sonne über dem Meer unter.
Aiyana blieb auf dem Felsvorsprung stehen.
In ihrem Notizbuch standen inzwischen fünf Gruppen.
Die Löwen der Savanne.
Die Drachen des Gasthauses.
Die Einhörner und Alihörner des Waldes.
Die Velari der Berge.
Und nun:
Orivai / Va’ori – Küste / Wasser
Aiyana sah die Namen an.
„Nuvorai.“
Der Rabe landete neben ihr.
„Mhm?“
„Das sind keine einzelnen Märchen mehr.“
Nuvorai schwieg.
„Zu viele Orte.“
Sie blätterte zurück.
„Zu viele Gebäude.“
Weiter.
„Zu viele wiederkehrende Hinweise auf Fähigkeiten, die wir heute Magie nennen würden.“
Sie blickte über das Meer.
„Das war eine Welt.“
Nuvorais Datensterne erschienen.
Etwas tief in ihm reagierte auf diesen Satz.
Eine Welt.
Nicht fünf Geschichten.
Nicht fünf Legenden.
Eine Welt.
Seine Welt.
Doch die Erinnerung öffnete sich nicht.
Noch nicht.
Aiyana schloss das Notizbuch.
„Und ich will wissen, was mit ihr passiert ist.“
Nuvorai sah sie an.
„Wir finden es heraus.“
Aiyana lächelte.
„Natürlich wir.“
Sie machte sich auf den Rückweg.
Nuvorai blieb einen Augenblick länger am Wasser.
Unter ihm brachen kleine Wellen gegen den Fels.
Für einen winzigen Moment spürte er wieder Fell.
Vier Pfoten.
Einen langen Körper im Wasser.
Und Freude an der Bewegung.
Nicht fremd.
Nicht geliehen.
Seinen Körper.
Dann war er wieder ein weißer Rabe.
Nuvorai blickte auf sein Spiegelbild zwischen den Wellen.
Tiefblaue Augen blickten zurück.
Dieselben Augen.
Immer dieselben.
Er wusste noch nicht, dass die Wissenshüter ihm einst drei Wege gegeben hatten.
Einen für den Himmel.
Einen für die Erde.
Und einen für das Wasser.
Er wusste nicht, dass weiße Pfoten einmal über Felsen gelaufen waren.
Oder dass ein weißer Körper durch genau solche Gewässer geglitten war.
Und Aiyana wusste noch nicht, dass sie inzwischen nicht nur die Geschichte einer verlorenen Welt zusammensetzte.
Sie setzte auch Nuvorai wieder zusammen.
Stück für Stück.
Erinnerung für Erinnerung.
Form für Form.
Hinter ihr erklang ein Ruf.
„Aiyana!“
Sie drehte sich um.
Nuvorai flog ihr nach.
„Was?“
„Sind noch Bratwursteier da?“
Aiyana starrte ihn an.
„Das merkst du dir natürlich.“
„Sehr wichtige Information.“
„Nein.“
„Keine?“
„Keine für dich.“
„Grausam.“
Aiyana lachte und ging weiter.
Über ihnen wurde der Himmel dunkelblau.
Unter ihnen rauschte das Meer.
Und irgendwo tief unter der Wasserlinie warteten Räume, die seit unzähligen Jahren niemand mehr betreten hatte.
Noch. 💙🐦🦦🌊✨
Kapitel 8 – Jene, die von den Sternen kamen
Aiyana hatte ein Problem.
Genauer gesagt hatte sie inzwischen ungefähr siebenundvierzig Probleme.
Sie lagen auf ihrem Tisch.
Fotos.
Abschriften.
Karten.
Zeichnungen.
Übersetzungen.
Notizen über Löwen, die Licht in sich tragen konnten.
Drachen, die ein Gasthaus geführt hatten.
Einhörner und Alihörner.
Velari.
Orivai.
Va’ori.
Und dazwischen immer wieder Nuvorai.
Oder zumindest Dinge, bei denen Aiyana inzwischen ziemlich sicher war, dass sie etwas mit Nuvorai zu tun hatten.
Der weiße Rabe saß auf der Rückenlehne ihres Stuhls und betrachtete das Chaos.
„Du hast ein System.“
„Natürlich.“
„Welches?“
„Meins.“
„Ah.“
Aiyana drehte sich um.
„Was soll das heißen?“
„Dass niemand außer dir es versteht.“
„Das ist die Definition eines guten Systems.“
„Nein.“
„Doch.“
„Krah.“
Aiyana streckte die Zunge heraus und wandte sich wieder ihren Unterlagen zu.
Seit ihrer Rückkehr von der Küste hatte sie versucht, etwas zu finden, das die verschiedenen Orte miteinander verband.
Nicht biologisch.
Dafür waren ihre Bewohner viel zu unterschiedlich gewesen.
Nicht geografisch.
Die Fundstätten lagen weit voneinander entfernt.
Nicht einmal ihre Lebensweisen ähnelten einander besonders.
Und trotzdem gab es Gemeinsamkeiten.
Bestimmte Zeichen.
Darstellungen von Licht.
Hinweise auf Fähigkeiten, die Aiyana inzwischen nur noch widerwillig mit wissenschaftlichen Umschreibungen versah.
Sie hatte das Wort längst in ihr Notizbuch geschrieben.
Magie.
Ohne Fragezeichen.
Aber ein Symbol störte sie besonders.
Es tauchte überall auf.
Im Drachengasthaus.
In der Waldanlage von Zahir und Amara.
Bei den Velari.
Und auch bei den Orivai und Va’ori.
Drei schmale Bögen.
Darüber etwas, das wie ein Stern aussah.
Darunter ein geöffnetes Zeichen, dessen Bedeutung sie nicht kannte.
Aiyana schob eine Kopie zu Nuvorai.
„Das.“
Er sah hin.
Nichts geschah.
„Kennst du es?“
„Nein.“
„Du hast es schon einmal gesehen.“
„Das ist keine Frage.“
„Nein.“
Sie legte vier Fotos nebeneinander.
Dasselbe Symbol.
Vier Orte.
Vier Kulturen.
Nuvorai betrachtete sie.
Seine Datensterne erschienen nicht.
„Nichts.“
Aiyana seufzte.
„Gut.“
„Entschuldigung.“
Sie blickte sofort zu ihm.
„Wofür?“
„Dass ich mich nicht erinnere.“
„Nuvorai.“
Aiyana drehte ihren Stuhl ganz zu ihm.
„Du schuldest mir keine Erinnerungen.“
Der Rabe schwieg.
„Wir erforschen das zusammen. Erinnerst du dich?“
„Ja.“
Aiyana hob eine Augenbraue.
„An den Satz immerhin.“
„Selektive Qualität.“
Sie grinste.
„Sehr gut.“
Dann nahm sie eines der Fotos wieder in die Hand.
„Also finden wir es anders heraus.“
Die Antwort kam drei Wochen später.
Nicht von Nuvorai.
Nicht aus einer Erinnerung.
Sondern aus einer Kiste, die seit Jahrzehnten falsch katalogisiert worden war.
Aiyana hatte einen Hinweis auf Steinfragmente aus einer alten Ausgrabung verfolgt. Die Stücke waren nie besonders wichtig erschienen.
Keine Schmuckstücke.
Keine menschlichen Knochen.
Keine spektakulären Gegenstände.
Nur beschriftete Steinplatten.
Für Aiyana war das inzwischen ungefähr so, als würde jemand sagen:
Nur eine Bibliothek.
Sie reiste hin.
Nuvorai natürlich auch.
Der kleine regionale Sammlungsraum roch nach Staub, Holz und diesem ganz besonderen Duft alter Archive, bei dem Aiyana sofort das Gefühl bekam, mindestens fünf Stunden bleiben zu wollen.
Nuvorai brauchte ungefähr zwölf Minuten, bis er anderer Meinung war.
„Hunger.“
Aiyana blickte nicht auf.
„Du hast gefrühstückt.“
„Das war früher.“
„Vor zwei Stunden.“
„Früher.“
Aiyana öffnete ihren Rucksack.
„Ich habe eine Wurzelpfanne dabei.“
Nuvorai sah hinein.
Kartoffeln.
Kichererbsen.
Karotten.
Kräuter.
Daneben eine kleine Dose Kräuterjoghurt.
„Das ist kein Brot.“
„Sehr scharfsinnig.“
„Ich wollte nur sicherstellen, dass du es weißt.“
„Später.“
„Krah.“
Aiyana schloss den Rucksack.
Dann zog sie die nächste Steinplatte aus ihrer gepolsterten Aufbewahrung.
Und hörte auf zu lächeln.
Das Symbol.
Drei Bögen.
Ein Stern.
Das geöffnete Zeichen.
Aber diesmal stand Text daneben.
Viel Text.
„Nuvorai.“
Der Rabe sprang auf den Tisch.
Seine Datenstern-Augen erschienen sofort.
Aiyana bemerkte es.
„Jetzt kennst du es.“
„Nein.“
„Deine Augen sagen etwas anderes.“
„Meine Augen sind Verräter.“
„Praktische Verräter.“
Nuvorai sah auf die Zeichen.
Dann sagte er ein Wort.
„Hüter.“
Aiyana bewegte sich nicht.
„Hüter?“
„Wissen.“
Pause.
„Wissenshüter.“
Aiyana griff langsam nach ihrem Bleistift.
Wissenshüter.
Sie schrieb das Wort auf.
„Wer waren sie?“
Nuvorai starrte auf die Platte.
Nichts.
Dann Licht.
Große Räume.
Gestalten, deren Einzelheiten sich seiner Erinnerung entzogen.
Stimmen.
Sterne.
Ein Gefühl von—
Zuhause?
Nein.
Nicht seinem.
Ihrem.
Dann war alles fort.
„Ich weiß es nicht.“
Aiyana nickte.
Aber diesmal hatten sie ein Wort.
Und ein Wort konnte man verfolgen.
Die folgenden Stunden veränderten alles.
Einige Zeichen auf der Platte kannte Aiyana bereits.
Andere konnte Nuvorai lesen.
Bei manchen halfen Vergleichstexte aus früheren Fundstätten.
Es war langsam.
Mühsam.
Und an mehreren Stellen wahrscheinlich unvollständig.
Aiyana schrieb deshalb jede Übersetzung in drei Spalten.
Sicher.
Wahrscheinlich.
Unklar.
Nuvorai betrachtete das.
„Sehr vorsichtig.“
„Ich habe einen Raben, der sich manchmal mit großer Überzeugung falsch erinnert.“
„Unverschämt.“
„Wissenschaftlich belegt.“
„Krah.“
Dann fanden sie den ersten Satz.
Nicht vollständig.
Aber genug.
Aiyana las ihre Übersetzung zweimal.
Wir kamen nicht aus dieser Welt.
Sie legte den Bleistift hin.
Nuvorai sagte nichts.
Aiyana las erneut.
„Nicht aus dieser Welt.“
„Vielleicht bedeutet es Region.“
„Dachte ich auch.“
Sie zeigte auf das nächste Zeichen.
„Aber das hier kenne ich.“
Stern.
Himmel.
Und etwas, das sie bisher als Weg interpretiert hatte.
Auf einer zweiten Platte erschien dieselbe Kombination.
Auf einer dritten wieder.
Dann ein anderes Zeichen.
Heimat.
Aiyana stand auf.
Sie ging einmal durch den kleinen Raum.
Dann wieder zurück.
„Nein.“
Nuvorai beobachtete sie.
„Nein was?“
„Ich habe die ganze Zeit angenommen, die Wissenshüter gehörten zu dieser Welt.“
„Das wissen wir nicht.“
„Doch.“
Sie zeigte auf die Platten.
„Zumindest behaupten sie selbst etwas anderes.“
Sie setzte sich.
„Sie kamen von außerhalb.“
Nuvorai blickte auf das Sternsymbol.
Ein Fragment flackerte.
Etwas Unermessliches.
Kein Himmel.
Kein Flug.
Etwas zwischen Orten.
Eine Reise, für die Flügel vollkommen bedeutungslos waren.
Er zuckte zurück.
„Nicht Sterne.“
Aiyana hielt inne.
„Was?“
„Nicht von einem Stern.“
„Woher dann?“
Nuvorai kämpfte um die Erinnerung.
„Weiter.“
„Weiter als Sterne?“
„Anders.“
Er wurde unruhig.
Aiyana wartete.
„Nicht…“
Er suchte nach einem Wort.
„Nicht derselbe Ort.“
Aiyana sah auf ihre Übersetzung.
Eine andere Welt?
Eine andere Ebene?
Eine andere Form von Raum?
Sie schrieb nichts davon als Tatsache auf.
Nur:
Herkunft außerhalb unserer Welt – genaue Natur unbekannt.
„Das reicht.“
Nuvorai sah sie an.
„Dir?“
„Für heute.“
Beim Essen saßen sie draußen.
Aiyana hatte einen kleinen Platz hinter dem Gebäude gefunden.
Die Sonne schien zwischen zwei Bäumen hindurch.
Sie öffnete ihre Dose.
Goldene Kartoffelstücke lagen zwischen Karotten, Pastinake und Kichererbsen. Darüber Kräuter.
Nuvorai kam näher.
„Jetzt?“
„Jetzt.“
Aiyana gab etwas Kräuterjoghurt auf ihre Portion.
Nuvorai betrachtete ihn skeptisch.
„Was ist das?“
„Kräuterjoghurt.“
„Warum?“
„Weil er schmeckt.“
„Beweis?“
Aiyana nahm einen Bissen.
„Mhm.“
Nuvorai wartete.
„Du bekommst keinen Joghurt auf die Federn.“
„Ich wollte Kartoffel.“
„Natürlich.“
Sie suchte ihm ein winziges geeignetes Stück heraus.
„Haps.“
„Haps.“
Nuvorai schluckte.
„Akzeptabel.“
„Du kleiner Mistvogel.“
„Mehr.“
„Das bedeutet offenbar hervorragend.“
„Mehr.“
Aiyana lachte.
Für ein paar Minuten gab es keine verschwundenen Kulturen.
Keine fremden Welten.
Keine Magie.
Nur Mittagessen.
Vielleicht brauchte Forschung genau solche Augenblicke.
Am Nachmittag fanden sie heraus, warum die Wissenshüter gekommen waren.
Nicht um zu herrschen.
Zumindest sagten die erhaltenen Texte nichts davon.
Keine Eroberung.
Kein Reich.
Keine Unterwerfung.
Stattdessen tauchte immer wieder dasselbe Wort auf.
Gleichgewicht.
Sie hatten beobachtet.
Gelernt.
Geholfen.
Manchmal eingegriffen.
Und sie hatten etwas mitgebracht.
Aiyana übersetzte das Zeichen zunächst mit:
Kraft.
Nuvorai widersprach.
„Nein.“
„Energie?“
„Nein.“
„Licht?“
„Auch.“
Aiyana sah ihn an.
„Magie?“
Nuvorai wurde still.
Dann:
„Ja.“
Aiyana schrieb das Wort.
Die Wissenshüter hatten Magie mitgebracht.
Aber die Texte beschrieben sie nicht als unbegrenzt.
Das war das Merkwürdige.
Immer wieder tauchten Begriffe auf, die Aiyana mit Bewahren, Verbrauchen, Erneuern und Rückkehr übersetzte.
„Sie konnten sie verlieren.“
Nuvorai sah auf die Platte.
„Ja.“
„Dann waren sie keine Götter.“
„Nein.“
Wieder diese Sicherheit.
Aiyana blickte zu ihm.
„Hast du dich erinnert?“
Nuvorai schloss die Augen.
Gestalten.
Alt.
Unglaublich alt.
Aber nicht ewig.
Etwas an ihnen war endlich.
So wie alles Lebendige endlich war.
„Sie konnten sterben.“
Aiyana schrieb langsam:
Wissenshüter – sehr langlebig, aber nicht unsterblich.
Sie lehnte sich zurück.
Das veränderte ihre Vorstellung vollständig.
Keine allmächtigen Wesen.
Keine Götter.
Reisende.
Hüter.
Lebewesen aus einer anderen Welt, die etwas mitgebracht hatten, das auf der Erde irgendwann Magie genannt worden war.
Und dann fand Aiyana einen Satz, der ihr Herz schneller schlagen ließ.
Sie übersetzte ihn Stück für Stück.
Was die Welt selbst nicht hervorbringen kann…
Lücke.
…darf geschaffen werden…
Lücke.
…wenn Gleichgewicht und Leben es verlangen.
Aiyana sah Nuvorai an.
Der Rabe war vollkommen still.
„Geschaffen.“
Nuvorais Federn stellten sich leicht auf.
Zahir.
Der erste erschaffene Alihorn-Hengst.
Vaelis der Va’ori.
Und dieses Gefühl, das Nuvorai selbst schon einmal gehabt hatte.
Gemacht.
Aiyana sagte nichts.
Noch nicht.
Stattdessen las sie weiter.
Es gab Hinweise auf Wesen, die nicht geboren worden waren.
Wesen mit Aufgaben.
Wesen, deren Körper Eigenschaften besaßen, die andere Arten nicht hatten.
Aber die Texte waren beschädigt.
Namen fehlten.
Beschreibungen fehlten.
Und nirgendwo stand:
Nuvorai.
Aiyana spürte, wie der Rabe neben ihr unruhig wurde.
„Bin ich einer davon?“
Da war sie.
Die Frage.
Aiyana hätte gern Ja gesagt.
Oder Nein.
Irgendetwas Sicheres.
Stattdessen schüttelte sie den Kopf.
„Ich weiß es nicht.“
Nuvorai sah auf die Platte.
„Aber du denkst es.“
„Ja.“
„Warum?“
Aiyana öffnete ihr Notizbuch.
Sie zeigte ihm die Seite mit seinem Namen.
Der trockene Bachlauf.
Die weiße Gestalt in alten Darstellungen.
Vier Pfoten auf dem Berg.
Ein anderer weißer Körper im Wasser.
Erinnerungen an Orte, die seit unvorstellbar langer Zeit verlassen waren.
Seine Augen.
Immer dieselben tiefblauen Augen.
„Weil inzwischen sehr viel dafür spricht, dass du nicht einfach ein ungewöhnlich alter Rabe bist.“
Nuvorai blickte an sich hinunter.
„Das ist bedauerlich.“
Aiyana blinzelte.
„Warum?“
„Rabe war übersichtlich.“
Sie lachte so plötzlich, dass die Archivarin im Gebäude durch das Fenster zu ihnen sah.
Aiyana hielt sich die Hand vor den Mund.
„Entschuldigung.“
Nuvorai machte ein zufriedenes:
„Krah.“
Am Abend fanden sie die letzte Platte.
Sie war klein.
Beschädigt.
Und vielleicht gerade deshalb jahrzehntelang unbeachtet geblieben.
Nur wenige Zeilen waren lesbar.
Aiyana und Nuvorai arbeiteten gemeinsam daran.
Ein Wort war eindeutig.
Rückkehr.
Ein anderes:
Heimat.
Dann:
Kraft.
Und schließlich eine Passage:
Solange der Weg noch geöffnet werden kann.
Aiyana runzelte die Stirn.
„Sie sind gegangen.“
Nuvorai sagte nichts.
„Zurück.“
Sie legte die bisherigen Übersetzungen nebeneinander.
Magie.
Verbrauch.
Rückkehr.
Heimat.
Der Weg.
„Aber warum?“
Keine Antwort.
Aiyana suchte weiter.
Es gab keine.
Nicht hier.
Sie wusste nur, dass die Wissenshüter offenbar verstanden hatten, dass sie irgendwann zurückkehren mussten.
Warum ihre Magie dafür entscheidend gewesen war, blieb offen.
Und was nach ihrer Abreise mit der Erde geschehen war, ebenfalls.
Aiyana schrieb zwei neue Fragen auf:
Warum mussten die Wissenshüter zurückkehren?
Was geschah danach mit der Magie?
Dann bemerkte sie Nuvorai.
Er saß vollkommen reglos vor einer beschädigten Stelle der Platte.
„Was ist?“
„Da war etwas.“
„Eine Erinnerung?“
„Vielleicht.“
„Was?“
Nuvorai schloss die Augen.
Licht.
Stimmen.
Traurigkeit.
Keine Angst.
Kein Kampf.
Etwas Endgültiges.
Und jemand vor ihm.
Eine Berührung.
Nicht an Federn.
An etwas, das noch keine Form angenommen zu haben schien.
Dann Worte.
Nicht vollständig.
Nur drei blieben.
Unser letzter Wächter.
Nuvorais Augen öffneten sich.
Aiyana erschrak über ihr Leuchten.
„Nuvorai?“
Er atmete schnell.
„Ich habe etwas gehört.“
„Was?“
Er sah sie an.
„Letzter Wächter.“
Aiyana bewegte sich nicht.
„Was bedeutet das?“
„Ich weiß es nicht.“
Und diesmal wusste sie, dass er die Wahrheit sagte.
Später saßen sie im Zug nach Hause.
Aiyana hatte das Notizbuch auf den Knien.
Auf einer neuen Seite stand:
WISSENSHÜTER
Nicht von der Erde.
Herkunft: andere Welt / anderer Existenzraum?
Sehr langlebig, nicht unsterblich.
Brachte Magie mit.
Aufgabe: Gleichgewicht bewahren.
Erschuf unter bestimmten Bedingungen neue Wesen.
Kehrte irgendwann in die eigene Heimat zurück.
Darunter standen drei offene Fragen:
Warum mussten sie gehen?
Was geschah mit ihrer Magie?
Und:
Was ist der letzte Wächter?
Aiyana sah zu Nuvorai.
Der weiße Rabe schlief neben ihr.
Sein Kopf war ein wenig zwischen die Federn gesunken.
Im dunklen Zugfenster spiegelte sich sein Körper.
Nur ein Rabe.
Wenn man nicht genauer hinsah.
Aiyana dachte an vier weiße Pfoten auf einem Berg.
An einen weißen Körper unter Wasser.
An Bilder aus Zeitaltern, die kein einzelner Rabe hätte erleben können.
Und an drei Worte.
Unser letzter Wächter.
Aiyana nahm ihren Bleistift.
Unter die letzte Frage schrieb sie eine vierte.
Wer bist du wirklich, Nuvorai?
Der Zug fuhr weiter durch die Nacht.
Und diesmal lag die Antwort näher, als beide ahnten.
Kapitel 9 – Wer ist Nuvorai wirklich?
Aiyana hatte die Frage seit drei Tagen nicht mehr aus ihrem Notizbuch gestrichen.
Wer bist du wirklich, Nuvorai?
Sie hatte auch keine neue daruntergeschrieben.
Das war ungewöhnlich.
Normalerweise vermehrten sich ihre Fragen schneller als ihre Antworten.
Diesmal wusste sie, wonach sie suchen musste.
Letzter Wächter.
Zwei Wörter.
Mehr hatte Nuvorais Erinnerung ihnen nicht gegeben.
Und trotzdem waren sie genug gewesen.
Aiyana hatte sämtliche Aufzeichnungen der vergangenen Monate erneut durchsucht.
Nicht nach Raben.
Das hatte sie bereits getan.
Diesmal suchte sie nach Wächtern.
Am vierten Morgen fand sie etwas.
Keine neue Fundstätte.
Keinen vergessenen Tempel.
Nur ein Foto, das sie selbst Monate zuvor aufgenommen hatte.
„Nuvorai.“
Der weiße Rabe saß am offenen Fenster.
„Mhm?“
„Komm mal.“
Er flog auf den Tisch.
Aiyana vergrößerte das Bild auf ihrem Bildschirm.
Es zeigte eine Wand aus dem ehemaligen Drachengasthaus.
Kaelun und Aurelia waren darauf nur undeutlich erhalten.
Über ihnen befand sich der kleine helle Vogel, den Aiyana damals bereits bemerkt hatte.
Aber darum ging es ihr diesmal nicht.
Sie zeigte auf zwei Zeichen darunter.
„Kennst du die?“
Nuvorai betrachtete sie.
Seine Datensterne erschienen.
„Wachen.“
Aiyana bekam Gänsehaut.
„Nicht beobachten?“
„Nein.“
„Sicher?“
„Nein.“
Sie grinste.
„Du wirst richtig gut darin.“
„Worin?“
„Dir selbst nicht mehr blind zu glauben.“
„Eine fragwürdige Fähigkeit.“
„Für einen Forscher eine ziemlich wichtige.“
„Forschungsrabe.“
„Entschuldigung.“
Aiyana zog das nächste Foto heran.
Velari.
Am Rand der beschädigten Darstellung:
ein helles vierbeiniges Wesen.
Darunter dasselbe Zeichen.
Wachen.
Dann die Küstenanlage der Orivai und Va’ori.
Aiyana hatte dort etwas fotografiert, das sie für eine Verzierung gehalten hatte.
Wieder:
Wachen.
Drei Orte.
Drei unterschiedliche Wesen.
Drei verschiedene Regionen.
Und etwas Helles an ihrem Rand.
Aiyana lehnte sich zurück.
„Du warst überall.“
Nuvorai sagte nichts.
„Ich kann es noch nicht beweisen.“
„Dann sag es nicht.“
Aiyana sah ihn an.
„Seit wann bist du so vernünftig?“
„Seit du Wissenschaftlerin bist.“
„Frech.“
„Krah.“
Aber Aiyana bemerkte, dass er nicht scherzte.
Nicht wirklich.
Er hatte Angst vor der Antwort.
Die entscheidende Spur kam aus den Aufzeichnungen der Wissenshüter.
Aiyana hatte Kopien der Steintexte erhalten, die sie im letzten Kapitel untersucht hatte.
Eine beschädigte Passage hatte sie zunächst ignoriert.
Zu wenig erhalten.
Zu viele Lücken.
Doch jetzt erkannte sie ein Zeichen.
Wächter.
Daneben stand eine Folge von drei Symbolen.
Das erste kannte sie.
Himmel.
Das zweite hatte sie lange für einen Weg gehalten.
Nuvorai betrachtete es.
„Boden.“
Aiyana schrieb.
Das dritte zeigte Wellen.
„Wasser.“
Nuvorai wurde still.
Aiyana ebenfalls.
Himmel.
Boden.
Wasser.
Sie sah ihn an.
Dann stand sie auf.
„Wir fahren noch einmal hin.“
„Wohin?“
„Zu den Platten.“
„Heute?“
„Heute.“
Nuvorai blickte zur Küche.
„Frühstück?“
Aiyana blieb stehen.
„Ich habe gerade möglicherweise herausgefunden, was du bist.“
„Das ist kein Grund, hungrig zu forschen.“
Sie starrte ihn an.
„Du bist unmöglich.“
„Und hungrig.“
Eine Stunde später saßen sie im Zug.
Aiyana hatte tatsächlich Frühstück gemacht.
Diesmal etwas Neues.
Kleine herzhafte Kartoffel-Käse-Taler mit Ei und Kräutern.
Sie ließen sich kalt mitnehmen und passten in eine Dose, ohne dass Aiyana Besteck brauchte.
Nuvorai saß neben ihr.
Sein Blick wanderte zur Dose.
„Nein.“
„Du hast sie selbst erwähnt.“
„Ich habe sie gegessen.“
„Es sind noch welche da.“
„Du bist erschreckend aufmerksam.“
„Wächter.“
Aiyana erstarrte.
Nuvorai ebenfalls.
Das Wort war einfach herausgekommen.
Aiyana sah ihn an.
„Warum hast du das gesagt?“
„Ich weiß es nicht.“
Er wandte den Blick zum Fenster.
Aiyana schloss die Dose.
Zum ersten Mal hatte keiner von beiden Lust auf einen Witz.
Im Archiv warteten die Steinplatten.
Aiyana begann mit der beschädigten Passage.
Himmel.
Boden.
Wasser.
Nuvorai las einzelne Zeichen.
Andere erkannte Aiyana aus ihren bisherigen Übersetzungen.
Stück für Stück entstand ein Text.
Nicht vollständig.
Aber genug.
Für keinen Ort soll der Weg verschlossen sein.
Aiyana schrieb.
Die nächste Zeile war beschädigt.
Dann:
Was im Himmel geschieht…
Lücke.
…was auf der Erde seinen Weg sucht…
Lücke.
…was unter dem Wasser verborgen bleibt…
Und schließlich:
…soll von ihm erreicht werden können.
Aiyana legte den Stift hin.
Nuvorai stand vollkommen reglos auf dem Tisch.
„Drei.“
Aiyana flüsterte das Wort.
Nuvorai sah sie an.
Sie öffnete ihr Notizbuch.
Berganlage.
Vier Pfoten.
Weißes Fell.
Leichter Körper.
Buschiger Schweif.
Dann:
Küstenanlage.
Vier Pfoten.
Weißes Fell.
Langer Körper.
Schwimmen.
Tauchen.
Anderer Körper.
Und vor ihr:
ein weißer Rabe.
„Drei Lebensräume.“
Nuvorais Augen leuchteten.
„Luft.“
Aiyana nickte.
„Land.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Wasser.“
Dann geschah etwas.
Nuvorai fiel nicht.
Aber seine Krallen griffen so fest um die Tischkante, dass Aiyana sofort aufstand.
„Nuvorai?“
Er hörte sie kaum.
Wind.
Er flog.
Nicht heute.
Damals.
Unter ihm lag eine Welt voller Licht.
Dann—
Pfoten.
Er lief.
Weißes Fell bewegte sich im Wind.
Ein schmaler Körper glitt zwischen Felsen hindurch.
Er hob den Kopf.
Tiefblaue Augen spiegelten sich in einem kleinen Wasserlauf.
Ein Fuchs.
Dann—
Wasser.
Kühl.
Leicht.
Sein Körper tauchte unter die Oberfläche.
Weiße Pfoten bewegten sich.
Ein kräftiger Schweif steuerte ihn.
Er schoss zwischen Steinen hindurch.
Ein Otter.
Dann wieder Himmel.
Weiße Flügel.
Ein schwarzer Schnabel.
Ein Rabe.
Drei Körper.
Aber nie drei Wesen.
Immer dieselben Augen.
Immer dasselbe Bewusstsein.
Immer—
Nuvorai.
Er öffnete die Augen.
Aiyana stand vor ihm.
„Ich war es.“
Ihre Stimme war ganz ruhig.
„Der Fuchs?“
„Ja.“
„Im Berg?“
„Ja.“
„Und im Wasser?“
Nuvorai schloss kurz die Augen.
„Auch ich.“
Aiyana setzte sich langsam.
„Drei Formen.“
„Ja.“
„Rabe.“
„Luft.“
„Fuchs.“
„Land.“
„Otter.“
„Wasser.“
Aiyana lachte leise.
Nicht weil es lustig war.
Weil eine Antwort, die monatelang vollkommen unmöglich erschienen wäre, plötzlich so einfach vor ihnen lag.
„Natürlich.“
Nuvorai sah sie an.
„Natürlich?“
„Du bist ein uraltes Wesen aus einer magischen Welt, kannst eine Sprache lesen, die seit Ewigkeiten niemand mehr spricht, erinnerst dich an ausgestorbene Wesen und hast offenbar drei Körper.“
Sie hob die Hände.
„Natürlich.“
Nuvorai dachte darüber nach.
„Wenn du es so sagst, klingt es etwas ungewöhnlich.“
Aiyana lachte.
„Etwas.“
Aber eine Frage blieb.
Warum?
Warum hatte jemand ein Wesen mit drei Formen erschaffen?
Die Antwort stand auf einer anderen Platte.
Und diesmal konnte Nuvorai sie lesen.
Nicht alles.
Aber genug.
Der Wächter bestimmt keinen Weg.
Nuvorai verstummte.
Aiyana wartete.
„Weiter.“
Er las.
Er bewahrt die Möglichkeit, ihn zu gehen.
Aiyana bekam Gänsehaut.
Nuvorai schloss die Augen.
Etwas kam zurück.
Kein Ort.
Kein Gesicht.
Eine Aufgabe.
Nicht herrschen.
Nicht entscheiden.
Nicht verhindern, dass ein Wesen Fehler machte.
Nicht bestimmen, welchen Weg es nahm.
Beobachten.
Begleiten.
Und nur dann eingreifen, wenn etwas einem Wesen jede Möglichkeit nahm, seinen eigenen Weg weiterzugehen.
Nuvorai öffnete die Augen.
„Ich sollte sie nicht führen.“
Aiyana sagte nichts.
„Ich sollte auf sie achten.“
„Wen?“
„Alle.“
Das Wort hing zwischen ihnen.
Nicht eine Art.
Nicht eine Region.
Alle.
Darum drei Formen.
Ein Rabe konnte Berge und Entfernungen überwinden.
Ein Fuchs konnte Wesen auf dem Land begleiten, Wege betreten, die Flügel nicht erreichten.
Ein Otter konnte Flüsse, Seen und Küsten durchqueren.
Kein grundlegender Lebensraum sollte ihm verschlossen sein.
Nicht damit Nuvorai überall herrschen konnte.
Sondern damit er überall da sein konnte.
Aiyana sah ihn lange an.
Dann erinnerte sie sich.
An den trockenen Bachlauf.
An seine Entscheidung, ihr nicht vorzuschreiben, wann sie weitergehen durfte.
An ihre Unterzuckerung.
Messen.
Nicht: Du darfst nicht weiter.
Nicht: Ich entscheide.
Nur die Warnung.
Die Möglichkeit, selbst zu handeln.
Aiyana schluckte.
„Du machst es noch.“
„Was?“
„Deine Aufgabe.“
Nuvorai sah sie verständnislos an.
„Du erinnerst dich nicht daran. Aber du machst es trotzdem.“
„Bei dir?“
„Ja.“
„Du bist häufig gefährlich unvernünftig.“
Aiyana starrte ihn an.
„Das war gerade fast schön.“
„Fast.“
„Mistvogel.“
„Krah.“
Dann fanden sie die Passage über seine Erschaffung.
Aiyana wünschte später, sie hätte sich an diesen Augenblick besser erinnern können.
Aber manche großen Momente fühlten sich erstaunlich klein an, während sie geschahen.
Keine Musik.
Kein Licht.
Nur ein alter Raum.
Zwei Lebewesen.
Und eine Steinplatte.
Nuvorai las:
Als unser letzter…
Das nächste Zeichen.
Aiyana kannte es inzwischen.
Geschaffener.
Nuvorai hörte auf.
Aiyana sagte nichts.
Er las weiter.
…soll der Wächter drei Wege tragen.
Luft.
Land.
Wasser.
Dann:
Keinem Geschlecht zugehörig.
Aiyana blickte zu Nuvorai.
Er blickte an sich hinunter.
„Keines.“
„Überrascht dich das?“
Lange Pause.
„Nein.“
Aiyana lächelte.
„Mich auch nicht.“
„Meine Stimme klingt männlich.“
„Ja.“
„Aber ich bin nicht männlich.“
„Offenbar nicht.“
Nuvorai dachte nach.
„Gut.“
„Das war unkompliziert.“
„Sollte es kompliziert sein?“
„Nein.“
„Dann gut.“
Aiyana schrieb:
Nuvorai – geschlechtslos. Stimme männlich klingend.
Und darunter:
Letztes von den Wissenshütern geschaffenes Wesen.
Ihre Hand zitterte ein wenig.
Da stand es.
Nicht mehr als Frage.
Weitere Fragmente erklärten seine besondere Gabe.
Ein Wort tauchte mehrfach auf.
Seelenfunken.
Nuvorai kannte es.
Diesmal sofort.
„Jedes Wesen hat einen.“
„Eine Seele?“
„Nein.“
Er suchte nach Worten.
„Nicht so.“
Aiyana wartete.
„Das, was es unverwechselbar macht.“
Nicht Erinnerung.
Nicht Persönlichkeit allein.
Nicht Moral.
Etwas Tieferes.
Ein inneres Muster.
Nuvorai konnte es wahrnehmen.
Nicht um Gedanken zu lesen.
Nicht um Geheimnisse zu erfahren.
Sondern um zu erkennen:
Wer ist dieses Wesen?
Und manchmal:
Braucht es Schutz?
Aiyana schrieb alles auf.
Dann hielt sie inne.
„Darum erkennst du manche von ihnen.“
„Vielleicht.“
„Nuru.“
Nuvorais Augen flackerten.
„Ja.“
„Zahir und Amara.“
„Ja.“
„Die Velari.“
Etwas Warmes.
Bronzegold.
Rauchiges Blaugrau.
„Ja.“
„Die Orivai.“
„Ja.“
Aiyana sah ihn an.
„Nuvorai…“
Sie öffnete ihre Bildsammlung.
Der kleine weiße Vogel im Drachengasthaus.
Eine helle Gestalt bei den Löwen.
Der beschädigte Vierbeiner bei den Velari.
Die Erinnerung im Wasser.
Immer am Rand.
Nie im Mittelpunkt.
Nie Herrscher.
Nie Held.
Nur da.
Aiyana legte drei Bilder nebeneinander.
Rabe.
Die beschädigte Darstellung eines hellen Fuchses.
Eine weitere, kaum erhaltene Darstellung eines hellen wasserlebenden Tieres, die sie in ihren Fotos der Küstenanlage zunächst übersehen hatte.
Auf allen drei Darstellungen war ein Detail erhalten.
Die Augen.
Dunkelblau.
Mit kleinen hellen Punkten.
Aiyana sah zu ihrem Gefährten.
Seine Datensterne leuchteten.
Sie legte einen Finger auf das erste Bild.
„Rabe.“
Auf das zweite.
„Fuchs.“
Auf das dritte.
„Otter.“
Nuvorai sah die Bilder an.
Aiyana flüsterte:
„Das sind nicht drei Tiere.“
Dann sah sie ihn an.
„Das bist jedes Mal du.“
Nuvorai sagte nichts.
Und plötzlich verstand Aiyana noch etwas.
Nicht nur die Formen.
Nicht nur seine Aufgabe.
Die Zeit.
Sie dachte an all die Orte.
An Geschichten, zwischen denen Generationen gelegen haben mussten.
An Wesen, die ein gewöhnliches Tier niemals alle hätte kennen können.
„Nuvorai…“
Er sah sie an.
Aiyana spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.
Nicht aus Traurigkeit.
Weil etwas, das die ganze Zeit vor ihr gelegen hatte, endlich sichtbar wurde.
„Du kanntest sie nicht nur.“
Pause.
„Du warst dort.“
Nuvorai erinnerte sich nicht plötzlich an alles.
Das wäre vielleicht leichter gewesen.
Keine Flut von Jahrhunderten kehrte zurück.
Keine vollständige Vergangenheit.
Keine Namen aller Wesen, die er begleitet hatte.
Nur Fragmente.
Nuru im Sonnenlicht.
Safiya auf einem alten Pfad.
Kaelun vor dem Gasthaus.
Aurelia über einer Schriftrolle.
Goldenes Fell.
Amara.
Silberweiß.
Zahir.
Federfächer.
Veylora.
Kairen.
Zwei Schweife, die durch Wasser glitten.
Und immer wieder:
Er selbst.
Manchmal über ihnen.
Manchmal neben ihnen.
Manchmal weit entfernt.
Wachsam.
Nicht weil sie ihm gehörten.
Sondern weil ihr Weg ihnen gehören sollte.
Nuvorai senkte den Kopf.
„Ich habe so viel vergessen.“
Aiyana setzte sich neben ihn.
„Ja.“
Keine Beschönigung.
Er sah sie an.
„Vielleicht kommt es nicht zurück.“
„Vielleicht nicht.“
„Dann weiß ich nie wieder alles.“
„Nein.“
Stille.
Dann sagte Aiyana:
„Aber du weißt jetzt, wer du bist.“
Nuvorai betrachtete seine weißen Federn.
„Ein Wächter.“
„Ja.“
„Drei Formen.“
„Ja.“
„Geschlechtslos.“
„Ja.“
„Sehr alt.“
Aiyana grinste.
„Uralt.“
Nuvorai sah empört auf.
„Unverschämt.“
„Historisches Kulturgut.“
„Aiyana.“
„Museumsrabe.“
„Aiyana.“
Sie lachte.
Und endlich erklang:
„Krah.“
Auf der Heimfahrt öffnete Aiyana die Dose mit den Kartoffel-Käse-Talern.
„Willst du?“
Nuvorai sah hinein.
„Ja.“
Sie gab ihm ein kleines geeignetes Stück.
„Haps.“
„Haps.“
Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander.
Dann fragte Nuvorai:
„Aiyana?“
„Mhm?“
„Wenn meine anderen Formen noch existieren…“
Sie sah zu ihm.
„Ja?“
„Warum kann ich sie nicht annehmen?“
Aiyana schwieg.
Das war die nächste Frage.
Und dahinter wartete eine viel größere.
Warum war von all der Magie, die diese Wesen einst umgeben hatte, heute fast nichts mehr übrig?
Warum waren die Wissenshüter gegangen?
Warum gab es keine Drachen mehr?
Keine Velari.
Keine Alihörner.
Und warum konnte ein Wesen, das einst Rabe, Fuchs und Otter gewesen war, heute nur noch als Rabe vor ihr sitzen?
Aiyana öffnete ihr Notizbuch.
Auf eine neue Seite schrieb sie:
WAS WURDE AUS DER MAGIE?
Nuvorai las mit.
„Das könnte kompliziert werden.“
Aiyana schloss das Buch.
„Unsere Sachen werden immer kompliziert.“
„Wir haben noch Kartoffeltaler.“
„Das hilft.“
„Sehr.“
Draußen zog die heutige Welt am Zugfenster vorbei.
Felder.
Wälder.
Dörfer.
Vögel am Himmel.
Tiere auf den Wiesen.
Eine Welt, von der Aiyana ihr ganzes Leben geglaubt hatte, sie sei vollkommen getrennt von jener Welt, die sie erforschte.
Noch wusste sie nicht, dass genau darin ihr letzter Irrtum lag.
Die alte magische Welt war niemals durch eine andere ersetzt worden.
Sie blickte bereits auf ihre Fortsetzung.
Kapitel 10 – Was aus der Magie wurde
Aiyana suchte nach dem Ende der Welt.
Das war ihr erster Fehler.
Sie wusste es nur noch nicht.
Auf ihrem Tisch lagen sämtliche Aufzeichnungen, die sie in den vergangenen Monaten zusammengetragen hatte.
Die Savanne.
Das Gasthaus der Drachen.
Der Wald von Zahir und Amara.
Die Berge der Velari.
Die Küstenanlage der Orivai und Va’ori.
Und die Texte der Wissenshüter.
Nuvorai saß mitten auf einem Stapel Kopien.
„Du sitzt auf meiner Forschung.“
„Deine Forschung ist überall.“
„Das ist kein Grund, darauf zu sitzen.“
„Der Tisch ist voll.“
„Wegen meiner Forschung.“
„Mein Punkt.“
Aiyana zog vorsichtig ein Blatt unter seinen Füßen hervor.
„Runter.“
Nuvorai hüpfte auf die Tischkante.
„Unfreundlich.“
„Museumsrabe.“
Seine tiefblauen Augen verengten sich.
„Das wird niemals aufhören, oder?“
„Nein.“
„Bedauerlich.“
„Krah?“
Kurze Pause.
„Krah.“
Aiyana grinste.
Dann sah sie wieder auf ihre Unterlagen.
Das Lächeln verschwand.
Seit Wochen beschäftigte sie dieselbe Frage.
Was war geschehen?
Eine Welt voller magischer Wesen hatte existiert.
Und heute existierte sie nicht mehr.
Irgendwo dazwischen musste etwas passiert sein.
Krieg?
Eine Naturkatastrophe?
Krankheit?
Eine gewaltige Veränderung des Klimas?
Vielleicht sogar die Magie selbst?
Aiyana hatte Archive durchsucht.
Geologische Daten verglichen.
Fundorte zeitlich eingeordnet.
Sie hatte nach Brandschichten gesucht.
Nach ungewöhnlichen Ablagerungen.
Nach Hinweisen auf eine große Katastrophe.
Nichts passte.
„Es ergibt keinen Sinn.“
Nuvorai sah sie an.
„Was?“
„Es gibt kein Ende.“
„Vielleicht hast du es noch nicht gefunden.“
„Das dachte ich auch.“
Aiyana stand auf und ging zu der großen Karte an ihrer Wand.
Überall steckten Markierungen.
„Aber schau.“
Sie zeigte auf die ältesten Fundorte.
Dann auf jüngere.
„Die Arten verschwinden nicht gleichzeitig.“
Nuvorai flog zu ihr.
„Die Drachen sind noch da, als manche anderen Aufzeichnungen schon seltener werden.“
Sie zeigte auf eine andere Stelle.
„Hier finden wir noch Alihörner.“
Dann weiter.
„Später Tiere, die ihnen ähneln, aber bei denen die magischen Merkmale schwächer werden.“
Nuvorai wurde still.
Aiyana nahm ein Foto.
Ein altes Relief.
Ein pferdeartiges Wesen.
Kein deutlich sichtbares Leuchten mehr.
Kleinere Flügel.
Ein kürzeres Horn.
Daneben ein jüngerer Fund.
Keine Flügel.
Nur ein kaum sichtbarer Hornansatz.
Noch später:
Pferde.
Aiyana legte die Bilder nebeneinander.
„Vielleicht suche ich nach etwas, das nie passiert ist.“
„Was meinst du?“
Sie blickte auf all die Bilder.
„Vielleicht ist diese Welt gar nicht untergegangen.“
Die Antwort lag in den letzten Aufzeichnungen der Wissenshüter.
Diesmal mussten Aiyana und Nuvorai nicht reisen.
Die digitalisierten Platten waren längst auf ihrem Rechner.
Nur hatten sie bisher nach den falschen Worten gesucht.
Tod.
Zerstörung.
Gefahr.
Ende.
Jetzt suchte Aiyana nach einem anderen Wort.
Abschied.
Und fand es.
„Nuvorai.“
Er kam sofort.
Auf dem Bildschirm stand eine Passage, die sie bislang nur teilweise übersetzt hatten.
Nuvorai begann zu lesen.
Langsam.
Was wir mitbrachten, ist nicht unendlich.
Aiyana schrieb.
Was wir geben, kehrt nicht vollständig zu uns zurück.
Dann eine beschädigte Stelle.
Nuvorai stockte.
„Weiter.“
Er las.
Der Weg zur Heimat verlangt, was uns noch bleibt.
Aiyana hörte auf zu schreiben.
„Oh.“
Nuvorai sah sie an.
Sie verstand.
„Sie mussten gehen.“
Nuvorai betrachtete den Text.
„Ja.“
„Nicht weil sie vertrieben wurden.“
„Nein.“
„Nicht wegen eines Krieges.“
„Nein.“
„Weil ihre Magie endlich war.“
Nuvorai schloss die Augen.
Diesmal kam eine Erinnerung.
Keine Angst.
Keine Flucht.
Abschied.
Wesen standen beieinander.
Die Wissenshüter wussten, dass ihre Zeit auf dieser Welt endete.
Nicht ihr Leben.
Ihre Zeit hier.
Sie hatten über unvorstellbar lange Zeit ihre Kraft eingesetzt.
Um zu stabilisieren.
Zu schützen.
Manchmal zu erschaffen.
Immer wieder hatten sie etwas von ihrer Magie in diese Welt gegeben.
Und irgendwann war der Punkt gekommen, an dem sie entscheiden mussten.
Blieben sie noch länger, würde ihre verbliebene Kraft irgendwann nicht mehr ausreichen, um den Weg nach Hause zu öffnen.
Nuvorai öffnete die Augen.
„Sie wollten nicht gehen.“
Aiyana sah ihn an.
„Du erinnerst dich?“
„Ein bisschen.“
„Waren sie traurig?“
„Ja.“
Er suchte.
„Aber nicht verzweifelt.“
Ein anderes Wort.
„Dankbar.“
Aiyana schluckte.
„Wofür?“
Nuvorai sah zum Fenster.
Draußen bewegten sich die Äste eines Baumes im Wind.
„Für die Zeit hier.“
Die Wissenshüter nahmen ihre Magie nicht mit.
Nicht vollständig.
Das verstand Aiyana als Nächstes.
Überall, wo sie gelebt und gewirkt hatten, blieb etwas zurück.
In Landschaften.
In Pflanzen.
In Tieren.
In den Wesen, die sie erschaffen hatten.
In alten Kraftlinien.
Die Welt blieb magisch.
Zunächst.
Aber etwas hatte sich verändert.
Die Quelle war fort.
Was verbraucht wurde, erneuerte sich nicht mehr.
Jahrhundert um Jahrhundert.
Generation um Generation.
Die Magie wurde schwächer.
So langsam, dass vermutlich kein einzelnes Wesen sagen konnte:
Heute verschwindet die Magie.
Es gab keinen solchen Tag.
Ein Drachenjunges leuchtete vielleicht etwas schwächer als seine Eltern.
Viele Generationen später waren die Körper kleiner.
Flügel wurden weniger wichtig.
Noch später verschwanden sie.
Aus Drachenlinien wurden Tiere, die Aiyana heute als Echsen kannte.
Bei den Nachfahren der Velari wurden die leuchtenden Federstrukturen kleiner.
Dann selten.
Dann verschwanden sie.
Die Körper passten sich an.
Aus ihren fernen Linien entstanden Berglöwen.
Die weißen und magischen Löwen der alten Savanne veränderten sich über Generationen.
Ihre Gaben verschwanden.
Ihre Nachfahren wurden zu den Löwen der heutigen Welt.
Bei den Orivai und Va’ori veränderte sich der Körper noch stärker.
Arme.
Beine.
Die alten besonderen Strukturen.
Was in einer Welt mit Magie möglich und nützlich gewesen war, blieb nicht unverändert.
Ihre entfernten Nachfahren wurden zu Schlangen.
Und Zahir und Amara?
Aiyana blieb besonders lange bei ihren Aufzeichnungen.
Ihr Fohlen war nicht das Ende gewesen.
Es war der Anfang.
Das erste geborene Alihorn hatte eine eigene fruchtbare Linie begründet.
Kinder.
Enkel.
Generationen.
Die Alihörner hatten weitergelebt.
Sie hatten es geschafft.
Erst sehr viel später, als die Magie immer schwächer wurde, verschwanden Hörner und Flügel aus ihren Nachkommen.
Aus der Linie der Alihörner wurden Pferde.
Aiyana saß lange schweigend da.
Dann sagte sie:
„Sie sind nicht ausgestorben.“
Nuvorai saß neben ihr.
„Nein.“
„Sie sind noch hier.“
„Anders.“
Aiyana lächelte.
„Ja.“
Anders.
Doch eine Frage blieb.
Nuvorai.
Die Wissenshüter waren gegangen.
Ihre Magie war versiegt.
Und Nuvorai war geblieben.
Jahrhundert um Jahrhundert.
Jahrtausend um Jahrtausend.
Seine Erinnerungen waren zerbrochen.
Zwei seiner drei Formen waren verschwunden.
Nur der Rabe war geblieben.
„Deshalb kannst du dich nicht verwandeln.“
Nuvorai blickte auf seine Flügel.
„Meine Magie ist fort.“
Aiyana wollte etwas sagen.
Tat es aber nicht.
Denn diesmal gab es nichts zu beschönigen.
Vielleicht war es tatsächlich so.
Nuvorai war erschaffen worden, als die Magie noch stark gewesen war.
Jetzt lebte er in einer Welt, die diese Kraft nicht mehr besaß.
Er war noch Nuvorai.
Aber vielleicht würde er für den Rest seines Lebens nur noch eine seiner drei Formen besitzen.
„Das ist okay.“
Aiyana sah ihn an.
„Ist es das?“
Nuvorai dachte nach.
Dann nickte er.
„Wichtiger als die Form ist, dass ich da bin.“
Aiyana wurde ganz still.
Dann lächelte sie.
„Ja.“
Sie berührte mit einem Finger ganz sanft seine Stirn.
„Wichtiger als die Form ist, dass du da bist.“
In dieser Nacht konnte Nuvorai nicht schlafen.
Er saß am offenen Fenster.
Die Stadt war stiller geworden.
Irgendwo fuhr ein Auto vorbei.
Ein Nachtfalter taumelte um eine Laterne.
Nuvorai betrachtete ihn.
Ein kleines Wesen.
Unbedeutend, hätte vielleicht jemand gesagt.
Nuvorai dachte anders.
Er wusste inzwischen, warum.
Seelenfunken.
Er konnte ihn spüren.
Schwach.
Winzig.
Lebendig.
Dann hörte er etwas im Garten.
Eine Katze.
Sie schlich durch das Gras.
Ein zweiter Funke.
Weiter entfernt saß ein Vogel im Baum.
Ein dritter.
Menschen hinter Fenstern.
Hunde.
Insekten.
Pflanzen konnte er nicht auf dieselbe Weise wahrnehmen, und doch war auch dort Leben.
Überall.
Nuvorai schloss die Augen.
Er hatte diese Welt bewacht, als Drachen durch ihre Lüfte flogen.
Er hatte Velari über Bergpfade begleitet.
Orivai durch Wasser gleiten sehen.
Löwen beobachtet.
Alihörner.
Einhörner.
Unzählige Wesen, deren Namen niemand mehr kannte.
Und er hatte geglaubt, sie verloren zu haben.
Aber ihre Welt war noch hier.
Verändert.
Ohne ihre alte Magie.
Aber lebendig.
Etwas wurde warm in seiner Brust.
Nuvorai öffnete die Augen.
Ein winziger blauer Lichtpunkt schwebte vor ihm.
Er erschrak.
Das Licht erlosch.
„Aiyana.“
Keine Antwort.
Sie schlief.
„Aiyana.“
Aus dem Schlafzimmer kam ein verschlafenes:
„Wenn du Hunger hast, ignorier ihn.“
„Ich leuchte.“
Stille.
Dann Schritte.
„Du was?“
Aiyana erschien in der Tür.
Haare durcheinander.
Halb wach.
Nuvorai saß auf der Fensterbank.
„Ich habe geleuchtet.“
Aiyana blinzelte.
„Natürlich.“
„Das ist alles?“
„Es ist mitten in der Nacht.“
„Ich habe geleuchtet.“
Jetzt war sie wach.
Sie warteten.
Nichts geschah.
Fünf Minuten.
Zehn.
Nuvorai versuchte sich zu konzentrieren.
Nichts.
Er dachte an seine Vergangenheit.
Nichts.
An die Wissenshüter.
Nichts.
An seine Aufgabe.
Ein schwacher Schimmer.
Aiyana richtete sich auf.
„Da!“
Er verschwand.
„Was hast du gerade gedacht?“
„An meine Aufgabe.“
„Noch einmal.“
Nuvorai versuchte es.
Nichts.
„Vielleicht nicht erzwingen.“
„Sehr wissenschaftlich.“
„Klappe.“
Nuvorai schloss die Augen.
Nicht Aufgabe.
Nicht Pflicht.
Er dachte an Nuru.
Safiya.
Zahir.
Amara.
Kaelun.
Aurelia.
Veylora.
Kairen.
Elara.
Vaelis
An Wesen, deren Namen zurückgekehrt waren.
An jene, deren Namen für immer verloren bleiben würden.
An die Wissenshüter.
An ihren Abschied.
An all die Jahrtausende danach.
Dann an heute.
Die Katze im Garten.
Den Nachtfalter.
Den Vogel im Baum.
Und schließlich an die Frau neben ihm, die vor langer Zeit einen Käfig geöffnet hatte und anschließend gewartet hatte, ob er freiwillig herauskommen würde.
Das Licht kehrte zurück.
Diesmal stärker.
Aiyana hielt den Atem an.
Es kam nicht von außen.
Nicht aus einer alten Kraftlinie.
Nicht aus einem Gegenstand der Wissenshüter.
Es kam aus Nuvorai.
„Deine Magie.“
Nuvorai öffnete die Augen.
„Das kann nicht sein.“
„Offenbar doch.“
„Die Magie erneuert sich nicht.“
Aiyana dachte nach.
Dann verstand sie.
„Ihre nicht.“
Nuvorai sah sie an.
„Was?“
„Die Magie der Wissenshüter erneuerte sich nicht.“
Sie zeigte auf ihn.
„Aber vielleicht ist das gar nicht mehr ihre Magie.“
Die Wissenshüter hatten Nuvorai erschaffen.
Sie hatten ihm den ersten Funken gegeben.
Seinen Körper.
Seine drei Formen.
Seine Gabe.
Seine Aufgabe.
Aber danach hatte Nuvorai gelebt.
Geliebt.
Nicht romantisch.
Nicht als Besitz.
Anders.
Er hatte diese Welt lieben gelernt.
Ihre Wesen.
Ihre Unterschiede.
Ihre Wege.
Ihre Freiheit.
Jahrtausende lang hatte er sie begleitet, ohne zu verlangen, dass sie ihm gehörten.
Und irgendwo während all dieser Zeit hatte sich etwas verändert.
Die Wissenshüter hatten Magie mitgebracht.
Nuvorais Magie entstand aus etwas anderem.
Aus Verbundenheit.
Aus Fürsorge.
Aus seinem Wunsch, dass Leben seinen eigenen Weg gehen durfte.
Aus seiner Liebe zur Welt.
Das Licht wurde stärker.
Es lief über seine Federn.
Silber.
Perlmutt.
Eisblau.
Nuvorai keuchte.
Sein Körper fühlte sich plötzlich—
anders an.
Aiyana trat zurück.
Nicht aus Angst.
Aus Staunen.
Das Licht wurde so hell, dass die Konturen des Raben verschwammen.
Flügel wurden kürzer.
Beine veränderten sich.
Der Körper streckte sich.
Federn wurden zu Fell.
Dann erlosch das Licht.
Auf der Fensterbank stand kein Rabe mehr.
Vier weiße Pfoten.
Perlmuttfarbenes Fell.
Ein buschiger Schweif.
Spitze Ohren.
Und zwei tiefblaue Augen voller Datensterne.
Aiyana starrte ihn an.
Der weiße Fuchs starrte zurück.
Sehr lange.
Dann:
„Oh.“
Die Stimme war dieselbe.
Männlich klingend.
Unverkennbar Nuvorai.
Aiyana bekam Tränen in die Augen.
„Nuvorai.“
Er sah an sich herunter.
Eine Pfote.
Noch eine.
Dann nach hinten.
„Vier.“
Aiyana lachte unter Tränen.
„Ja.“
Nuvorai hob eine Vorderpfote.
„Ich hatte recht.“
„Womit?“
„Mir haben zwei Beine gefehlt.“
Aiyana prustete los.
„Du Idiot.“
Nuvorai sprang von der Fensterbank.
Oder versuchte es.
Vier Beine nach Jahrtausenden nicht benutzt zu haben, erwies sich als überraschend kompliziert.
Er landete ungefähr dort, wo er landen wollte.
Nur seitlich.
Aiyana fing ihn nicht auf.
Sie wusste inzwischen, dass ein Wächter seinen eigenen Weg gehen durfte.
Selbst wenn dieser Weg gerade etwas schief verlief.
„Kein Wort.“
Aiyana biss sich auf die Lippe.
„Kein.“
„Du lachst.“
„Nein.“
„Doch.“
„Ein bisschen.“
Nuvorai schüttelte sein weißes Fell.
„Krah.“
Aiyana lachte noch mehr.
„Als Fuchs?“
Nuvorai hielt inne.
„Stimmt.“
Kurze Pause.
„Was sagen Füchse?“
„Keine Ahnung.“
„Dann Krah.“
Der Otter kam einige Tage später.
Nicht weil Nuvorai es versuchte.
Sondern weil sie an einem See standen.
Aiyana hatte darauf bestanden, dass ein Wesen, das möglicherweise seine Wasserform wiederfinden würde, dies nicht zum ersten Mal mitten im Meer ausprobieren sollte.
„Feigling.“
„Sicherheitsbewusst.“
„Feigling.“
„Museumsrabe.“
„Ich bin gerade ein Fuchs.“
„Museumsfuchs.“
„Unverschämt.“
Nuvorai sah aufs Wasser.
Er erinnerte sich.
Kühle Strömung.
Tiefe.
Bewegung.
Orivai mit aufgefächerten Schweifschuppen.
Das Leben unter der Oberfläche.
Und wieder kam dieses warme Gefühl.
Nicht:
Ich will meine Magie.
Sondern:
Ich liebe diese Welt.
Licht.
Aiyana lächelte.
Als es erlosch, saß ein weißer Otter am Ufer.
Perlmuttfarbenes Fell.
Silbriger Schimmer.
Ein Hauch Eisblau.
Und dieselben tiefblauen Datenstern-Augen.
Nuvorai blickte auf das Wasser.
Dann zu Aiyana.
„Ich glaube, das kann ich.“
„Das hast du beim Fuchs auch gedacht.“
„Das war Land.“
„Ein überzeugendes Argument.“
Nuvorai sprang.
Platsch.
Aiyana wartete.
Eine Sekunde.
Zwei.
Drei.
Dann schoss ein weißer Kopf aus dem Wasser.
„Aiyana!“
„Was?!“
„Ich kann schwimmen!“
Sie lachte.
„Das war der Sinn der Form!“
„Es funktioniert!“
Und weg war er wieder.
Aiyana setzte sich ans Ufer.
Ein weißer Schatten schoss unter der Oberfläche vorbei.
Drehte.
Tauchte.
Kam wieder hoch.
Zum ersten Mal sah Aiyana Nuvorai sich bewegen, ohne dass irgendeine Unsicherheit in seinem Körper lag.
Der Otter erinnerte sich.
Nicht mit Gedanken.
Mit Muskeln.
Mit Pfoten.
Mit seinem Schweif.
Mit allem, was er war.
Später saßen sie am Ufer.
Nuvorai war wieder ein Rabe.
Das war noch immer seine stabilste Form.
Vielleicht würde es immer seine Hauptform bleiben.
Die anderen kosteten Kraft.
Er musste lernen.
Seine Magie war klein.
Sehr klein.
Sie würde keine Drachen zurückbringen.
Keine ausgestorbenen Kulturen wiederauferstehen lassen.
Keine alte Welt neu erschaffen.
Und genau das sollte sie auch nicht.
Aiyana verstand etwas, das sie während ihrer gesamten Forschung übersehen hatte.
Bewahren bedeutete nicht, Veränderungen zu verhindern.
Nuvorais Aufgabe war niemals gewesen, die Welt für immer gleich zu halten.
Das wäre das Gegenteil davon gewesen, ihren Weg zu schützen.
Leben veränderte sich.
Arten entstanden.
Arten verschwanden.
Andere entwickelten sich.
Die Welt ging weiter.
Nuvorai sollte sie nicht zurückdrehen.
Er durfte sie begleiten.
Wie früher.
Nur in einer neuen Zeit.
Am Abend kochte Aiyana.
Keine Expeditionsration diesmal.
Etwas Warmes.
Etwas für Zuhause.
Geschichtenwald-Gemüsepfanne mit Hähnchen und Kartoffeln
Kartoffeln.
Zucchini.
Paprika.
Karotten.
Hähnchen.
Kräuter.
Dazu ein cremiger Joghurt-Kräuter-Dip.
Nuvorai saß auf der Arbeitsfläche.
„Haps.“
„Es ist noch nicht fertig.“
„Haps.“
„Rohes Hähnchen bekommst du ganz bestimmt nicht.“
„Schlechte Küche.“
Aiyana zeigte mit dem Kochlöffel auf ihn.
„Du darfst gern selbst kochen.“
Nuvorai betrachtete seine Flügel.
„Diskriminierung aufgrund anatomischer Gegebenheiten.“
Aiyana musste sich am Herd festhalten.
„Wo hast du denn den Satz her?“
„Ich bin sehr alt.“
„Das erklärt überhaupt nichts.“
„Doch.“
„Nein.“
„Krah.“
Als das Essen fertig war, stellte Aiyana ihren Teller auf den Tisch.
Nuvorai bekam nur das, was für ihn geeignet war.
Keine Experimente.
Auch ein uraltes magisches Wächterwesen war schließlich kein Mülleimer.
Später öffnete Aiyana ihr Notizbuch.
Die letzte Seite.
Monatelang hatte dort eine Frage gestanden.
Was wurde aus der Magie?
Jetzt schrieb sie darunter:
Die Magie der Wissenshüter ging zu Ende.
Dann:
Das Leben nicht.
Und schließlich:
Nuvorais Magie ist neu.
Sie hielt inne.
Das Wort neu gefiel ihr nicht.
Nuvorai sah zu.
„Anders.“
Aiyana lächelte.
„Ja.“
Sie strich es durch.
Und schrieb:
Nuvorais Magie ist anders.
Sie entsteht aus seiner Liebe zur Welt und zu ihren Lebewesen.
Nuvorai las es.
„Das klingt kitschig.“
Aiyana sah ihn an.
„Soll ich es streichen?“
Lange Pause.
„Nein.“
Aiyana grinste.
„Dachte ich mir.“
„Krah.“
Viele Jahre später würden Menschen Aiyanas Forschung lesen.
Manche würden ihr glauben.
Andere nicht.
Manche würden die Ruinen besuchen.
Manche würden die alten Zeichnungen betrachten und darin nur seltsame Tiere sehen.
Vielleicht war das in Ordnung.
Denn die wichtigste Erkenntnis ihrer Reise brauchte keinen Glauben an Drachen.
Keine Magie.
Keine Wissenshüter.
Nicht einmal einen weißen Raben, der gelegentlich zum Fuchs oder Otter wurde.
Sie brauchte nur die Bereitschaft, hinzusehen.
Die Welt um sie herum war nicht weniger wertvoll geworden, weil ihre alte Magie verschwunden war.
Vielleicht war sie gerade deshalb schützenswert.
Die heutigen Löwen trugen kein Sonnenlicht mehr in ihrem Körper.
Aber sie waren Löwen.
Echsen waren keine Drachen.
Aber sie waren lebendige Wesen mit ihrem eigenen Platz in der Welt.
Pferde brauchten weder Horn noch Flügel, um besonders zu sein.
Berglöwen brauchten keine leuchtenden Federfächer.
Schlangen keine vier Arme und keine zwei auffächerbaren Schwänze.
Sie mussten nicht die Wesen ihrer Vergangenheit sein.
Sie durften sein, was sie heute waren.
Und neben Aiyana saß Nuvorai.
Nicht als letzter Rest einer besseren Welt.
Nicht als Denkmal.
Nicht als Relikt.
Ein lebendiges Wesen.
Hier.
Heute.
Aiyana sah hinaus.
Ein Vogel flog über die Dächer.
In einem Garten raschelte etwas im Gras.
Irgendwo bellte ein Hund.
Menschen gingen nach Hause.
Insekten summten zwischen Pflanzen.
Unzählige Lebensformen teilten sich denselben kleinen Planeten.
Nuvorai rückte ein wenig näher.
„War das jetzt das Ende deiner Forschung?“
Aiyana lachte leise.
„Nein.“
„Gut.“
„Warum?“
„Ich mag Expeditionen.“
„Du magst das Essen.“
„Auch.“
Aiyana sah ihn an.
„Nuvorai?“
„Mhm?“
„Ich bin froh, dass du da bist.“
Die Datensterne in seinen Augen wurden ein wenig heller.
„Ich auch.“
Aiyana schaute wieder hinaus in die Welt.
Dann schrieb sie die letzten Zeilen ihres Buches.
Unsere Welt hat keine Magie.
Aber sie ist voller verschiedener Arten von Lebewesen.
Egal wo, wie oder warum sie existieren – wir wollen jedes von ihnen mit Respekt behandeln, es schützen und achten.
Nuvorai las über ihre Schulter.
„Wir?“
Aiyana lächelte.
„Natürlich wir.“
Draußen ging die Sonne unter.
Für einen winzigen Moment schimmerte perlmuttweißes Gefieder im goldenen Licht.
Nicht die Magie der Wissenshüter.
Nicht die Magie einer vergangenen Welt.
Etwas Neues.
Etwas, das keine fremde Welt speisen musste.
Solange Nuvorai diese Welt liebte, konnte sein Funke wieder entstehen.
Vielleicht klein.
Vielleicht langsam.
Aber aus eigener Kraft.
Aiyana schloss das Buch.
Nuvorai breitete die Flügel aus.
Und die Welt ging weiter.
Nicht ohne Wunder.
Nur mit anderen.
Ende. 💙🐦🦊🦦🌍✨
Kapitel 11 – Aus zwei wurden neun
Der Einzug der Neuen
Eigentlich hatte Aiyana an diesem Morgen etwas völlig anderes vorgehabt.
Sie und Nuvorai waren seit Stunden unterwegs gewesen. Abseits eines kleinen Dorfes hatten sie, verborgen zwischen alten Bäumen, die Überreste eines Hauses gefunden, das einst den Wissenshütern gehört haben musste.
Zumindest deutete vieles darauf hin.
Die Bauweise.
Einige kaum noch erkennbare Zeichen in einem Stein.
Und eine Vertiefung im Boden, deren Zweck Aiyana noch nicht verstand.
Sie hatte fotografiert, gezeichnet, gemessen und mehrmals leise vor sich hin gemurmelt.
Nuvorai hatte währenddessen auf einem alten Mauerrest gesessen und zugesehen.
Irgendwann sagte er:
„Du hast seit Stunden nichts gegessen.“
Aiyana hielt mitten im Schreiben inne.
„Stimmt.“
„Das war keine Forschungsfrage.“
Sie sah zu ihm hoch.
„Manchmal bist du erschreckend hilfreich.“
„Danke.“
„Das war nicht unbedingt ein Kompliment.“
„Ich nehme es trotzdem.“
Aiyana klappte ihr Notizbuch zu.
Das Dorf war nicht weit entfernt. Dort würde sich bestimmt etwas zu essen finden lassen.
Also machten sie sich auf den Weg.
Was Aiyana zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste:
Zum Essen würde sie so schnell nicht kommen.
⸻
Das Tierheim lag am Rand des Dorfes.
Ein kleines Gebäude mit mehreren Außengehegen, die teilweise von der Straße aus zu sehen waren.
Aiyana ging zunächst daran vorbei.
Dann blieb sie stehen.
Ging zwei Schritte zurück.
Nuvorai landete auf einem niedrigen Zaunpfosten.
„Was ist?“
Aiyana antwortete nicht.
In einem der Gehege befand sich eine Katzenfamilie.
Sieben Tiere.
Eine Katze mit warmem, hellem Fell lag auf einer erhöhten Holzfläche. In ihrer Nähe befand sich ein heller Kater mit kühleren silbrig-grauen Abzeichen und tiefblauen Augen.
Zwischen ihnen waren fünf Jungtiere unterwegs.
Eines kletterte.
Eines jagte etwas, das vermutlich nur für das Kätzchen selbst sichtbar war.
Zwei lagen dicht beieinander.
Und das fünfte versuchte gerade, über den Rücken seiner Mutter zu steigen.
Aiyana trat näher.
„Oh nein.“
Nuvorai legte den Kopf schief.
„Was ist passiert?“
„Sie sind süß.“
„Das erscheint mir nicht gefährlich.“
Aiyana sah ihn an.
„Du kennst mich wirklich schlecht.“
Sie betrachtete die Familie noch einmal.
Etwas fiel ihr auf.
Besonders der Kater sah ungewöhnlich aus.
Nicht wie Romeo.
Nicht wie Julia.
Und trotzdem war da etwas an seinem hellen Fell und den tiefblauen Augen, das ihren Blick immer wieder zu ihm zurückführte.
Wenig später stand Aiyana im Tierheim.
Dort erfuhr sie ihre Namen.
Die Mutter hieß Amali.
Der Vater Tavi.
Und die fünf Jungen hießen Zawadi, Kijani, Lumo, Sauti und Baridi.
Doch dann entdeckte Aiyana die Angaben zu den Rassen.
Bei Amali stand:
Milevari.
Aiyana kannte den Namen nicht.
Sie las weiter.
Bei Tavi stand:
Nuvarei.
Aiyana blinzelte.
Sie las das Wort noch einmal.
Dann drehte sie langsam den Kopf.
Nuvorai saß hinter ihr auf einer Stuhllehne.
„Nuvorai.“
„Ja?“
Sie zeigte auf das Schild.
„Nuvarei.“
Der weiße Rabe betrachtete es.
„Das steht dort.“
„Ich kann lesen.“
„Dann sind wir uns einig.“
„Das heißt fast wie du!“
Nuvorai schwieg einen Moment.
„Fast.“
Aiyana verschränkte die Arme.
„Kennst du diese Katzen?“
„Nein.“
„Kennst du die Bezeichnung?“
„Nein.“
„Weißt du, warum sie so heißt?“
„Nein.“
Aiyana sah wieder auf das Schild.
Das gefiel der Forscherin in ihr überhaupt nicht.
Und gleichzeitig gefiel es ihr sehr.
Eine Frage, auf die sie keine Antwort hatte.
Sie machte sich eine Notiz.
Nuvarei – Herkunft der Bezeichnung untersuchen. Zufall?
Dann sah sie wieder hinaus zu den Katzen.
Und plötzlich war die Forschungsfrage nicht mehr ihr größtes Problem.
⸻
„Kann man sie zusammen vermitteln?“
Die Tierheimleiterin sah Aiyana überrascht an.
„Die ganze Familie?“
„Ja.“
„Alle sieben?“
Aiyana nickte.
„Alle sieben.“
Sie wusste selbst, wie das klang.
Sieben Katzen waren nicht wenig.
Vor allem dann nicht, wenn zu Hause bereits zwei warteten.
Deshalb folgte kein spontanes „Ich nehme sie mit“.
Stattdessen wurde geredet.
Lange.
Über Platz.
Über Kosten.
Über Rückzugsmöglichkeiten.
Über Futter.
Über tierärztliche Versorgung.
Und natürlich über Romeo und Julia.
„Ich habe bereits zwei Katzen“, erklärte Aiyana. „Romeo und Julia. Beide sind am 22. März 2019 geboren.“
Sie erzählte von ihrem Zuhause.
Von Spielmöglichkeiten und erhöhten Plätzen.
Von Bereichen, in die sich eine Katze zurückziehen konnte, wenn sie ihre Ruhe wollte.
Und von gesichertem Freigang.
Vor allem aber erklärte sie etwas anderes.
„Ich möchte diese sieben nicht auseinanderreißen.“
Die Tierheimleiterin sah hinaus zum Gehege.
„Das möchten wir nach Möglichkeit ebenfalls vermeiden.“
Aiyana lächelte.
„Dann würde ich ihnen gern gemeinsam ein Zuhause geben.“
Natürlich musste vorher geprüft werden, ob das wirklich funktionieren konnte.
Nicht nur für die sieben.
Auch für Romeo und Julia.
Denn ein Zuhause, das für sieben neue Katzen wunderbar war, durfte nicht plötzlich für die beiden Katzen, die bereits dort lebten, unangenehm werden.
Also wurde geplant.
Und vorbereitet.
Und einige Zeit später kam tatsächlich der Tag, an dem aus zwei Katzen neun werden sollten.
⸻
Romeo schlief.
Natürlich.
Während Aiyana zum vermutlich zwanzigsten Mal kontrollierte, ob alles vorbereitet war, lag Romeo zusammengerollt auf seinem Platz und hatte offensichtlich beschlossen, dass organisatorische Großereignisse nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fielen.
Julia dagegen wusste längst, dass etwas nicht stimmte.
Sie folgte Aiyana.
Beobachtete jede Tür.
Beschnupperte neue Gegenstände.
Und kommentierte die Situation ausführlich.
„Miau.“
„Ja.“
„Mrrrau.“
„Ich weiß.“
„MIAU.“
Aiyana sah sie an.
„Julia, sie sind noch nicht einmal da.“
Julia antwortete.
Aiyana nickte langsam.
„Ein überzeugendes Argument.“
Vom Schrank aus kam ein leises:
„Krah.“
Aiyana sah nach oben.
„Du hältst dich da raus.“
Nuvorai legte unschuldig den Kopf schief.
Dann kam das Fahrzeug des Tierheims.
Aiyana spürte sofort dieses Kribbeln im Bauch.
Jetzt wurde es ernst.
Amali.
Tavi.
Zawadi.
Kijani.
Lumo.
Sauti.
Baridi.
Sieben Transportboxen wurden vorsichtig hereingebracht.
Julia saß einige Meter entfernt und war plötzlich vollkommen still.
Romeo war inzwischen ebenfalls aufgewacht.
Er kam langsam dazu, blieb stehen und betrachtete die Boxen.
Aiyana ging in die Hocke.
„Ihr zwei wart zuerst hier.“
Die neuen Katzen würden nicht einfach mitten im Wohnzimmer freigelassen werden.
Sie bekamen zunächst ihren eigenen vorbereiteten Bereich.
Dort konnten sie ankommen.
Die Gerüche kennenlernen.
Zur Ruhe kommen.
Und Romeo und Julia konnten dasselbe tun – nur von der anderen Seite.
Kein Zwang.
Kein „Ihr seid jetzt eine Familie, also habt euch lieb“.
Zeit.
Das war alles, was sie zunächst voneinander brauchten.
⸻
Amali verließ ihre Box als Erste.
Vorsichtig setzte sie eine Pfote auf den Boden.
Dann die zweite.
Sie blieb stehen und betrachtete den Raum.
Tavi folgte etwas später.
Die fünf Kleinen hatten deutlich weniger Bedenken.
Kijani entdeckte innerhalb weniger Minuten ein Spielzeug.
Sauti untersuchte eine Decke.
Zawadi blieb zunächst dicht bei Amali.
Lumo setzte sich hin und beobachtete.
Und Baridi verschwand für einen Moment hinter einem Kissen, bevor ein kleines Gesicht wieder hervorsah.
Aiyana setzte sich einfach auf den Boden.
Sie griff nach keiner Katze.
Sie lockte keine.
Sie wartete.
Nuvorai saß auf einer erhöhten Ablage.
Auch er blieb still.
Nach einiger Zeit kam Amali näher.
Nicht bis zu Aiyana.
Nur ein Stück.
Dann setzte sie sich.
Aiyana lächelte.
„Hallo, Amali.“
Keine Antwort.
Das war in Ordnung.
⸻
Auf der anderen Seite der Tür hatte Julia inzwischen eine Mission.
Herausfinden, was dort drin war.
Sie schnupperte am Türspalt.
Dann miaute sie.
Drinnen wurde es kurz still.
Ein kleines Miauen antwortete.
Julia erstarrte.
Noch ein Miauen.
Julia sah zu Aiyana, die gerade aus dem Zimmer kam.
„Ja“, sagte Aiyana. „Da sind Katzen.“
Julia miaute.
„Sieben.“
Julia starrte sie an.
Aiyana hätte schwören können, dass dieser Blick eine vollständige Meinung enthielt.
Romeo kam hinzu.
Er schnupperte ebenfalls kurz.
Dann setzte er sich.
Julia sah Romeo an.
Romeo sah Julia an.
Julia sah wieder zur Tür.
Romeo putzte sich eine Pfote.
„Wenigstens einer von euch bleibt entspannt“, murmelte Aiyana.
Nuvorai landete neben ihr.
„Vielleicht hat er beschlossen, sich später damit zu beschäftigen.“
Aiyana sah zu Romeo.
Der Kater gähnte.
„Das klingt tatsächlich nach ihm.“
⸻
Die nächsten Tage bestanden aus kleinen Schritten.
Gerüche wurden ausgetauscht.
Decken wechselten die Räume.
Romeo untersuchte eine Decke der Neuankömmlinge ausgiebig, legte sich anschließend daneben und schlief ein.
Julia brauchte wesentlich länger.
Sie schnupperte.
Ging weg.
Kam zurück.
Miaute.
Schnupperte wieder.
Aiyana ließ ihr die Zeit.
Später konnten sie sich erstmals mit Abstand sehen.
Neun Katzen bedeuteten schließlich nicht, dass neun Katzen sofort Freunde sein mussten.
Amali blieb zunächst bei ihren Jungen.
Tavi beobachtete.
Romeo beobachtete ebenfalls.
Julia sagte sehr viel dazu.
Nuvorai saß auf seinem Platz über dem Geschehen.
Und Aiyana?
Aiyana saß mitten darin.
Nicht als jemand, der bestimmte, wer wen mögen musste.
Sondern als jemand, der dafür sorgte, dass jeder genügend Raum bekam, selbst zu entscheiden.
⸻
Wochen später sah das Wohnzimmer anders aus.
Sehr anders.
Auf einem Kissen schlief Romeo.
Neben ihm hatte sich Lumo zusammengerollt.
Julia saß erhöht und beobachtete Kijani, der gerade versuchte, etwas zu erreichen, das definitiv nicht für Katzen gedacht war.
Sauti lief durch den Raum und verkündete lautstark irgendetwas Wichtiges.
Zawadi lag bei Amali.
Baridi hatte einen besonders weichen Platz entdeckt.
Und Tavi?
Tavi saß am Fenster.
Das Licht fiel auf sein helles Fell und ließ die kühlen Farbtöne darin deutlich werden.
Aiyana blieb einen Moment stehen.
Nuvarei.
Noch immer hatte sie nicht herausgefunden, warum diese seltene Katzenrasse einen Namen trug, der Nuvorais Namen so ähnlich war.
Vielleicht würde sie irgendwann eine Antwort finden.
Vielleicht auch nicht.
Nicht jede Frage musste sofort beantwortet werden.
„Neun.“
Nuvorai saß auf der Rückenlehne des Sofas.
Aiyana sah ihn an.
„Was?“
„Du hast neun Katzen.“
„Ich kann zählen.“
„Das hattest du beim Tierheim auch behauptet.“
Aiyana kniff die Augen zusammen.
Nuvorai rückte vorsichtshalber ein kleines Stück zur Seite.
„Du bist frech geworden.“
„Möglicherweise.“
Aiyana sah wieder durch den Raum.
Zwei waren schon da gewesen.
Sieben waren dazugekommen.
Keine hatte eine andere ersetzt.
Die Familie war einfach größer geworden.
Viel größer.
Aiyana lächelte.
„Aus zwei wurden neun.“
Nuvorai betrachtete das friedliche Durcheinander.
Dann sah er zu ihr.
„Und du wolltest an diesem Tag eigentlich nur etwas essen.“
Aiyana schwieg.
„Das Essen!“
Nuvorai breitete die Flügel aus.
„Das fällt dir ein bisschen spät ein.“
Aiyana lachte.
Neun Katzen.
Ein weißer Rabe.
Eine unbeantwortete Forschungsfrage.
Und irgendwo im alten Wald wartete noch immer ein Haus der Wissenshüter darauf, weiter untersucht zu werden.
Die Entdeckungstour war also noch lange nicht vorbei.
Sie hatte nur plötzlich sehr viel mehr Pfoten bekommen.